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Es ist zwar dem einzigen
Diöcesano, der einem Hochwürdigen Specialat 1 nach dessen Versetzg von
Lörrach n. Auggen getreu blieb, nemlich mir nicht schwer, sobald es
erwiesen wird, auch zu bekennen, daß
"nicht von Mannsblut oder Fleisch
"allein von dem heiligen Geist
"Gottes Sohn ist worden ein Mensch"
Jedoch glaubt derselbige, nemlich ich, auf der andern Seite auch nichts
dabeÿ zu verliehren, wen ein Sterblicher den lächelenden Säugling mit
Vatergefühlen an den Busen drüken, und iener erhabenen Stime des zweÿten
Psalms im gedämpften Echo nachtönen dürfte: "Du bist mein Sohn; ich habe
dich gezeuget" und es dürfte überall niemand viel dabeÿ verliehren, als
die christliche Kirche das Fundament ihres ganzen Lehrbegrifs, und ein
Paar Kirchen Väter ihre witzigen Einfälle.
Den es behauptet einer derselben, daß die Vergleichung des
Messias mit dem düstern Nebelbilde des Königs Melchisedek 2 nichts geringers als seine beiden Naturen anzeige. Den gleich wie der König u.
Priester Gottes zu Salem απατωρ u. αμηωρ genant werde, also
seÿ der Messias, απατωρ als Menschensohn, u. αμηωρ als der Sohn Gottes. Der
heilige Tertullian 3 hingegen weiß davon nichts, sondern behauptet nur
soviel, weil Eva als Jungfrau sich vom Teufel habe zur Sünde verführen
lassen, so habe auch der Tilger der Sünden wieder von einer Jungfrau
müssen gebohren werden.
Aber auch der Probst von Crotzingen, der ex officio 4 beides für wahr
halten muß, wäre übel dran, wen beides eine Grille wäre.
Allein wen der Profet Elias mit seinem Diener Elisa durch Crotzingen
fährt, so nimt man keine
Notiz davon, und wo es um Warheit gilt, da
wird das Kind in Muterleibe nicht geschont.
Ich inhärire 5 daher ohnbedenklich den auf dem lezten Sÿnodus, oder
gemeinschaftlichen Weg zum Mittagessen, vorausgesezten u. von Einem
Hochw. Spec. 1 bereits approbirten 6 Sätzen
1, Christus selbst u. seine Apostel thun von seiner übernatürlichen
Geburt nirgends mehr eine Erwähnung. und wen man
2, voraussetzen wollte, daß es eine bekante u. allgemein geglaubte
Warheit gewesen seÿ, was doch schwer vorauszusetzen ist, so bauen doch
Chr. u. s. Apostel, nirgends irgend eine Lehre auf diesen Faktum.
3, Christus scheints viel mehr gerne zu dulden, u. widersprichts
wenigstens nicht, daß er für Josephs Sohn, u. für den Bruder seiner
übrigen Kinder gehalten wurde, u.
4. Paulus bedient sich sogar sehr zweÿdeutiger Ausdrüke über die
Abstamung Jesu, die leicht wenigstens mißverstanden werden könten, u.
folglich wen etwas richtiges an der Sache wäre, für höchst unklug müsten
gehalten werden.
Auf diese Sätze baue ich nun demnach als ein kluger Man, der sein Haus
auf einen Felsen stellt fort, und schließe so:
Die zweÿ Stellen beÿ Luk. u. Matth die's zu behaupten scheinen, sind
folglich
Entweder ächt, aber wir haben sie bisher falsch verstanden,
Oder wir haben sie richtig verstanden, aber sie sind unächt.
Oder sie sind ächt, u. richtig erklärt der Sohn Mariä hat alsdan
wirklich einen übernat. Ursprung, aber es hat keinen Zusamenhang mit
der Rel. lehre, sondern in dem tiefverborgenen Plan der Gottheit,
irgend einen Grund den wir noch gar nicht wissen können
In allen dreÿ Fällen aber fahren die Stifter unsers kirchlichen
Lehrbegrifs nicht mit einem Braun 7 durch das Gebiet der Warheit, sondern
sie reiten - auf einem fahlen Pferd.
Was nun den ersten Fall betrift so müßte nicht nur für die Hauptstellen
Luc. 1,35. u. Matth. 1,20. ein neuer zu einem natürlichen Sohne Josephs
passender Sin gefunden, und wenigstens eben so wahrscheinlich als der
alte war, gemacht werden, sondern es müsten auch die damit in Verbindung
stehenden Fakta sich auf eine natürliche Art ungezwungen erklären, und
mit dem neu gefundenen Sin in Harmonie bringen lassen.
Ein HochWürdiges Specialat hat an dieses Geschäft selbst rühmlichst Hand
gelegt, und durch diese neue freÿmüthigen Bearbeitung des alten Textes die
Diöcese ein aufmunterndes Beÿspiel gegeben.
Die Rechtfertigung eines neuen Sinnes für die Worte Luc 1, 35. nach
welchem die überschattende Kraft des allerhöchsten nicht auf die
Entstehung des heiligen Kindes in ihrem iungfräulichen Schose, sondern
nur auf die Organisation u. Ausrüstung desselben zu einem gottlichen
Lehrer und
rettenden Wohlthäter seiner Brüder, wirkte, leitet ein hochwürdiges Spec.
mit der gewiß feinen Bemerkung ein, daß der Engel, in den Worten: du
wirst p 8 nichts übernat. ankündige, und die Antwort, die ihm die Tugendhafte Tochter der h. Ana
9 gab, mehr nichts beweise, als daß sie
den Engel nicht verstand, und folglich sezt Diöcesanus hinzu einer nähern
Erklärung bedurfte. Aber dieser Umstand gerade, scheint Diocesano ein
ganz anderes Resultat herbeÿ zu führen. Muß man nicht annehmen die
nächste Rede des Engels werde eine der iungfräulichen Zartheit
angemessene Erklärung dessen enthalten, was sie nicht verstand? Sezts
nicht ein
HochWürdiges Sp. ebenfalls voraus? Musste also nicht der Engel wen er an
eine nat. Geburt dachte sprechen: Liebes keusches Mädchen mit der Morgenröthe der Unschuld auf den Wangen, laß das gut seÿn, was nicht ist
kan werden, und ich seze voraus daß du nicht wie der Probst von
Crotzingen in ein Kloster gehst, weils noch keine gibt. Aber was sagt
der Engel?
Liebes Mädchen, du weist zwar wie ich deiner Rosen u. Lilienblüthe zutraue, von keinem Manne; aber laß das gut seÿn, den dein Kind wird
durch Gottes Gnade einst ein Man von ausserordentlichen Gaben, ein Wohlthäter
u. Retter der Menschen werden. Ich denke du verstehst mich iezt.
Dioecesanus erlaubt sich ein HW. Sp. zu fragen: War das eine Antwort
von einem Engel? oder auch nur von einem Vikarius oder Provisor des
Pfarrers Zacharias 10.
Ich sage nein! und sehe mich also genöthiget die Erklärung des Vikarius
wieder weiter so zu erklären: Laß das gut seÿn liebes Mädchen, wen mein
Herr Princ.
11 den Engel G. recht verstanden hat, oder wen ich gar ohngeachtet meines menschlichen Futerals der E. G. selber bin, so
brauchts auch keinen Man
dazu sdrn wirst
du durch Gottes Allmacht Muter eines Sohnes - werden pp.
8
Und damit stimt Matth. 1. überein: Das in ihr erzeugt ist, ist vom h.
Geist (beruach Elohim) eine Wirkung der göttlichen Allmacht.
Diöcesanus versagt den feinen Wendungen, womit Ein HW. Sp. die
Nachrichten des Matth. mit dem Lukas, u. beide mit desselben eigenen
Voraussetzungen in Harmonie zu bringen wusten, seine Bewunderung und das Bekentniß mancher interessanten Überraschung nicht und es wäre eine
einfältige Einwendung, daß übrigens alles im höchsten Falle nur
möglich, hie u. da sogar etwas unwarscheinlich keines wegs
erweisbar seÿ, theils weil das HW. Sp. ia nur die Möglichkeit
einer nat. Erklärung darthun wollte, theils weil es demselben überal
nicht Ernst zu seÿn scheint.
Sonst würde ich noch einige Einwendungen erheben, z. B. Warum
wird dem Zach. die weniger Bedeutende Schwangerschaft seines Weibs durch
einen Engel und der Muter des Hochgelobten die ihrige nur durch einen Vikarius angekündigt? Etwa weil weibliche Schüchternheit den Anbl. eines
E. nicht ertragen konte? Warum erschien er nicht dem Joseph?
Item. Wen
wir den Matth. ohne den Lukas hätten würden wir eine natürliche
Geburt aus ihm zu vermuthen berechtigt seÿn, ohne den nachtheiligen
Schein daß die Selig gepriesene unter den Weibern eher ein Unglük als
ein Glük gehabt habe; nun konte
doch Matth nicht wissen ob und was Lukas zur Ergänzung seinen defekten Nachrichten schreiben würde, u. nicht darauf
rechnen zu seiner Zeit, daß ieder der seine Nachrichten lieset, auch die
des L. zur Ergänzung beÿ der Hand haben werde, und ich lege beÿ dieser
Gelegenh. einem HW. Sp. einen hermeneutischen Grdsatz zur Prüfung vor,
daß das Gegentheil von einer Warheit, die aus der Vergleichung mehrerer
biblischen Bücher erweisbar wird, auch nicht dem Scheine nach in
einem derselben stehen dürfe, wen der Verfasser des Einen nicht
darauf rechnen könte, daß seine nächsten Leser, die er doch zuerst im
Auge hatte, die andern, z. Thl. 12 noch nicht geschriebenen kennen u.
haben.
Item, und mit dieser Bemerkung glaubt die Diöcese einen Kernschuß zu
thun, wen wir irgend
ein Faktum, das in dem n. T. steht, und darein gehört, ia von dem
Grifel eines Apostels u. eines apostolischen Schülers entworfen ist,
nach solchen Regeln bearbeiten und aus dem Wunderb. ins Gemeine hinüber
ziehen dürfen, so müssen diese Regeln auch allgemein gültig und in allen
andern Faktis anwendbar seÿn. Aber was wird uns dan
von unsrer ev. Geschichte überig bleiben, wie wird sie aussehen, über
was werden wir im Evangelien Jahr predigen? Ein HochW. Sp. überlege das
nach seiner Weisheit.
Dieses alles zusamengenomen
ist die Döcese so freÿ, die alte Erklärung der beiden Kapitel quæstionis
13,
nach welcher des M. S. nur ienseits der himlischen 14 Sterne
einen Vater hat, für warscheinlicher zu halten, als die neue, nach
welcher er auf dem Zimerplatz
stünde.
Eher wäre aber die Diöcese geneigt beide Kapitel für apokrÿphisch
15 zu halten, wiewohl sie sich bescheidet ein zu sehen daß auch
dieser Beweis sich nicht vollständig führen lasse, sondern nur durch ein
individuelles Warheitsgefühl sein
Complementum 16 erhalte. Sie wird ihn iedoch a, gegen
Matth K.1. b, gegen Luk. K.1.2. c, gegen beide
gemeinschaftlich versuchen.
Ich will einem HW Sp. nichts neues sagen, auch keine Probe meiner
Belesenheit, sondern nur einen Beweis ablegen, daß Rosenm. Schol.17 in der Diöcese sind, wen ich folgendes
bemerke
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1 = Specialat / Spec. Sp. = Historische Hierarchiestufe der ev. Kirche -
einerseits eine örtliche Behörde, die den Einsatz der
Pfarrer im Religionsunterricht an den Schulen
regelte und die Einhaltung der Sitten überwachte, andererseits der
Amtsinhaber selbst. Auch das Pfarrhaus des Ortes,
in dem die Behörde untergebracht war, wurde dann als Specialat
bezeichnet.
2 = Melchisedek: „König der Gerechtigkeit“ oder „mein König ist (der Gott)
Zedek“, ist ein mythischer König und Priester,
der in der Bibel erwähnt wird.
3 = Tertullian = Quintus Septimius Florens Tertullianus, *
nach 150 in Karthago, † nach 220) war ein früher,
antiker
christlicher Schriftsteller und der erste lateinische
Kirchenschriftsteller. Sein Verdienst lag darin, dass er die Theologie
in
die Latinität geholt hatte. Er übersetzte zahlreiche biblische Texte aus
dem Griechischen und schuf dabei neue
lateinische Worte. Viele spätere
Vaterunser-Auslegungen sind von ihm abhängig. Außerdem wurde sein Apologeticum
als große Ausnahme ins Griechische übersetzt, was auf eine
große Relevanz dieses Werkes hinweist.
Der „heidnischen“ Philosophie (vor allem Platon und der Stoa) blieb er –
trotz aller Angriffe im Detail – im Ganzen
verpflichtet.
4 = ex officio = von Amts wegen, amtlich, kraft Amtes
5 = Inhäriren (lat.) = 1) sich an etwas anhängen; 2) fest auf etwas bestehen.
Auch
Inhärenz: Anhängung, das Zufällige
an einem Andern, Beharrlichkeit.
6 = approbiert = zulässig. statthaft. angängig.
7 = Braun = Brauner = Als Brauner bezeichnet man ein Pferd mit braunem
Fell und schwarzer Mähne und Schweif, hier verm.
als hochwertige gegenüber einer mittelmäßigen
(fahlen) Auffassung
8 = p und pp = perge und perge, perge (lat.) = usw.
9 = heilige Anna = Anna wird in mehreren apokryphen Schriften des 2. bis
6. Jahrhunderts als Mutter Marias und damit als
Großmutter Jesu Christi angesehen. In den vier
kanonischen Evangelien wird sie nicht erwähnt. Seit dem Mittelalter wird
sie als Heilige verehrt und vielfach künstlerisch
dargestellt.
10 = Der Priester Zacharias ist eine Person des Neuen Testaments. Er lebte
dem Lukasevangelium zufolge zur Zeit des Königs
Herodes, war mit Elisabet verheiratet und
ist der Vater von Johannes dem Täufer.
11 = Herr Princ. = Hebel verwendet für 'Herr' eine zeittypische Ligatur
12 = z. Thl. = im Autograph sieht das 'l' wie Hebels Ligatur für 'lich'
aus, sinnvoll ist aber nur das 'l' = zum Theil.
13 = Frage, Befragung, Prüfung
14 = so im Autograph = ohne Reduplikationsstrich
15 = (korrekt) apokryphe oder außerkanonische Schriften (altgriechisch
apokryphos = 'verborgen', 'dunkel') sind religiöse
Schriften jüdischer bzw. christlicher
Herkunft aus der Zeit zwischen etwa 200 vor bis ca. 400 nach Christus, die
nicht
in einen biblischen Kanon aufgenommen
wurden oder über deren Zugehörigkeit Uneinigkeit besteht, sei es aus
inhaltlichen oder
religionspolitischen Gründen.
16 = Complementum = die Ergänzung oder Fertigstellung
17 = Rosem. Schol. = ist die damals übliche Abk. für Quellenangaben:
Rosenmüller, Scholia in Novum Testamentum.
Johann Georg Rosenmüller, *
18. Dezember 1736 in Ummerstadt bei Hildburghausen, † 14. März 1815 in
Leipzig, war ein
deutscher protestantischer
rationalistischer Theologe. 1773 - 1783 Professor und Pfarrer in Erlangen.
Hebel, der von
1778 - 80 in Erlangen studiert hatte,
kannte ihn verm. von dort.
18 = Der Text endet hier am Ende der Seite mitten im Satz - weitere
Seiten/Blätter fanden sich weder bei den Ungedr. Pap.
noch z. B. bei den Allgem. Betracht. -
entweder gingen die Folgeseiten verloren oder Hebel hat hier abgebrochen
und
die Weiterführung nie aufgenommen.
* = "Apologeticum". Die frühe Kirche kennt viele apologetische Schriften,
die das Christentum gegen Vorwürfe verteidigen
wollen. In den Zeiten der in Wellen
kommenden Verfolgungen sahen sich Christen vielen Vorurteilen ausgesetzt;
diese
auszuräumen war Aufgabe der apologetischen
Literatur. |
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