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Das Vivat der Königin   (1812)
 
Nicht eben so gut als der Franzos der dem Engländer auf der Brücke zu Pferd begegnete, kam ein anderer Franzos zu Königszeiten mit einem andern Engländer davon in einem Wirtshaus. Der Engländer saß schon über eine halbe Stunde still und stumm in einer Ecke, und wartete auf einen Chirurgus, hätte gern die Zähne zusammengebissen vor Ungeduld, aber einer davon war hohl und tat ihm von Zeit zu Zeit entsetzlich weh, zum Exempel diesmal. Kommt auf einmal der Franzose, ein Perückenmacher oder so etwas an den Tisch, wo der Engländer saß, und wollte seinen Kameraden einen Spaß zum besten geben. Denn er glaubte, der Engländer sei dumm, oder noch scheu dort zu Land. Also fing er ein langes Gespräch mit ihm an, worauf der Engländer wenig antwortete, rühmte ihm, was Frankreich für ein reiches und großes Land sei, und daß einer schon ein gutes Pferd haben müsse, wenn er's in drei Vierteljahren durchreiten wolle, und wie der König so gerecht sei, und die Königin so gut. „Aber auf das Wohl der Königin", sagte er, „trinkt Ihr doch eins mit mir, und noch mehr?" Als sie ausgetrunken hatten, zerriß der Franzos die Hemdkrause an seinem alten abgewaschenen Hemde und sagte: „Es lebe die Königin! Gentelman", sagte er, „Ihr müßt Eure Hemdkrause auch zerreißen auf das Wohlsein der Königin. Ich hab meine auch zerrissen." „Geht zum Henker, Ihr Sapperment", sagte der Engländer, „Euer Hemd hat nimmer weit in die Papiermühle. Meins kommt nagelneu von der Näherin weg und ist an einigen Orten noch ganz heiß vom Durchzug der Nadel." Aber der Perückenmacher sagte: „Herr ich verstehe keinen Spaß! Entweder zerreißt Ihr Euer Hemd, oder Ihr müßt Euch mit mir stechen auf Leben und Tod." Wollte der fremde Engländer keinen Spektakel haben, so mußte er seine Hemdkrause zerreißen wie der Franzose. Aber jetzt wurde er auf einmal freundlich und redselig und erzählte dem Perückenmacher viel von England und von London, und von dem großen Kirchturm in London, und wie einer droben schon gute Augen haben müsse, wenn er unten die Stadt noch sehen wolle, bis der Chirurgus kam und fragte, was der fremde Herr befehle. „Seid so gut", sagte der Engländer, „und zieht mir diesen Stockzahn da aus, den dritten aufs Wohlsein der Königin von England! Herr", sagt er zu dem Perückenmacher, „Ihr bleibt da sitzen und rührt Euch nicht." Als der Zahn glücklich heraus war, sagte er zu dem Zahnarzt, „Seid so gut und zieht jetzt diesem Herrn da ebenfalls einen Zahn aus, aufs Wohlsein der Königin von England. Guter Freund", sagte er, „Ihr müßt Euch auch einen ausreißen lassen, ich hab mir auch einen ausreißen lassen." Da verging dem Spaßmacher der Mutwillen und die roten Backen, und protestierte zwar, die Sache sei nicht gleich. „Euer Zahn da", sagte er, „ist so hohl, daß eine Häsin drin setzen könnte. Die meinigen sind alle so kerngesund, daß ich eine Bleikugel damit breit beißen kann. Wenn drei Lilien drauf wären, könnt ich Geld damit prägen." Aber der andere gab darauf kein Gehör, sondern sagte: „Herr, ich verstehe keinen Spaß! Entweder Ihr laßt Euch einen Zahn ausbrechen auf der Stelle, oder Ihr könnt Euch mit mir stechen, auf Leben und auf Tod, und ich bohr Euch da, an die Tür hinan, daß der Degen eine Elle weit in die Kammer hineingeht." Da dachte der Perückenmacher: Ein Zahn! - Ein Leben! - Neun Kinder hab ich daheim. - Lieber ein Zahn. Also ließ er sich wohl oder übel auch einen ausreißen, und schieden darauf in Frieden voneinander. Aber zu seinen Kameraden sagte er nachher: „Diesmal mit einem Fremden Mutwillen getrieben, den ich nicht kenne! Hört man mir nichts an, wenn ich rede?"
 
 
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