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Der schwarze Mann in der weißen Wolke      (1812)

Sonst hat der Hausfreund nie viel auf Gespenster gehalten, wenn einem die Gespenster erscheinen; diesmal zwar auch nicht. Denn als er eines Tages, es war aber Nacht, mit dem Adjunkt und mit dem Vizepräsident durch den Brassenheimer Wald nach Hause ging; vornehme Herren schämen sich nicht, mit ihm zu gehen, und gut Freund zu sein, absonderlich bei Nacht, wenn es niemand sieht, und wenn sie selber froh sind, daß sie jemand begleitet; denn als wir aus dem Wald kamen, schlug es 12 Uhr in Brassenheim und die Mitternacht seufzte in den Bäumen. Ein schwacher Wind wehte durch die finstere Nacht und der Himmel war verhängt, nur bisweilen schimmerte der abnehmende Mond ein wenig durch die Wolken, wo sie am brüchigsten waren. „Adjunkt", sagte der Vizepräsident, „wißt Ihr nichts zu erzählen?"  „Ja", sagte der Adjunkt: „die Hirschauer wollten Anno 3 eine Brücke bauen, so stellten sie die Brücke der Länge nach in den Strom, denn sie sagten: ,Es sieht besser aus, und wenn ein großes Wasser kommt, kann es besser an der Brücke vorbei, und nimmt sie nicht mit.'"   „Adjunkt",  sagte der Hausfreund,  „sind wohl die Flinten zuerst erfunden worden, oder die Ladstecken?" Der Adjunkt sagte: „Die Ladstecken. Denn sonst wäre es nicht der Mühe wert gewesen, die Flinten zu erfinden, weil man sie doch nicht hätte laden können." Als aber der Adjunkt niesen mußte, dreht er den Kopf seitwärts gegen das Feld und niest. Indem er den Kopf seitwärts dreht, druckt er sich auf einmal an den Hausfreund.  „Habt Ihr nichts gesehn, Hausfreund", sagte er ängstlich und leise, „Eine schneeweiße Wolke stieg aus der Erde auf und in der Wolke stand ein schwarzer Mann, und hat mir gewinkt, ich soll kommen." „Warum seid Ihr nicht gegangen", sagte der Hausfreund. „Es sind Euch Funken aus den Augen gefahren, weil Ihr habt niesen müssen." „Er hat das Feuer im Elsaß gesehen", sagte der Vizepräsident. Aber bald verging uns der Spaß, und die Mitternacht schauerte allen durch Mark und Bein. Denn im nämlichen Augenblick erscheint wieder die weiße Wolke, und in der weißen Wolke die schwarze Gestalt und winkt. Weg war's wieder auf einmal. „Habt Ihr's jetzt gesehen", fragte der Adjunkt, „es ist gut, daß der Herr Präsident bei uns ist, mit uns zweien machte er kurzen Prozeß." Aber der Präsident dachte, es ist gut, daß der Hausfreund bei mir ist, daß ich mich an ihm heben kann. Denn allen zitterten die Knie und der Mut stieg keinem sonderlich in die Höhe, aber das Haar. Der Hausfreund will's einsweilen dem geneigten Leser zu raten geben, was es war. Denn als wir wieder ein wenig zur Besinnung gekommen waren, obgleich die Erscheinung wenigstens  siebenmal wiederkam, sagte endlich der Präsident: „Hausfreund - Ihr habt doch am meisten getrunken in Neuhausen, so werdet Ihr auch den meisten Mut haben; redet den Geist an." Da rief der Hausfreund: „Alle guten Geister! schwarze Gestalt der Mitternacht, wer bist du?" Da rief der Geist mit Zetergeschrei: „Ich bin der Xaveri Taubenkorn von  Brassenheim. Um  unsrer  lieben  Frauen willen verschont mich!"
 
Merke: der Taubenkorn ist ein unbescholtener Gerichtsmann in Brassenheim und wirtet; also kennt ihn der Hausfreund wohl, und ist ein lobenswerter Feldmann, dem keine Stunde in der Nacht zu spät oder zu früh ist für seinen Acker. Als ihn nun der Hausfreund fragte: „Xaveri, was treibt Ihr für Blendwerk? seid Ihr mit dem Bösen im Bund?" – sagte er: „Seid Ihr's, Hausfreund? Nein, ich streue Gips auf meinen Kleeacker. Der Wind ist gut, und es kommt bald ein linder Regen." Also wenn er eine Hand voll Gips auswarf entstand die Wolke ein wenig vom Mond erhellt, und man sah darin den Xaveri wie einen Schatten, und wenn er die Hand zurückzog, meinte man, er winke, aber wenn das Gipsmehl verflogen und gefallen war, sah man nichts mehr. - „Ihr habt mich rechtschaffen erschreckt", sagte der Xaveri zum Hausfreund, „denn ich habe nicht anders geglaubt, als es beschreit mich ein Gespenst. Ein andermal laßt Euere Possen bleiben."

 
 
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