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Morgengespräch des Hausfreunds und seines Adjunkts     (1814)
 
Als einst an einem schönen Sommermorgen der Hausfreund mit dem Adjunkt landaufwärts auf der Straße war, die Luft war so heiter und erquicklich, und alle Augenblick warf ein Baum dem Adjunkt einen Apfel an den Hut, gleichsam ihn fragend, ob er auch wieder da sei; auf einmal, unterhalb Seefelden, dehnte sich der Adjunkt kräftig aus. „Hausfreund", sagte er, „mir ist so wohl. Examiniert mich ein wenig über das Sprüchlein: Du machest fröhlich alles, was da webet, beide des Morgens und des Abends."
Der Hausfreund sagte: „Ich will's probieren. Was heißt das: Das machest fröhlich?"
Sagt darauf der Adjunkt: „Das ist keine Frage, die ich von einem klugen Mann erwartet hätte. Was fröhlich ist, muß man selber wissen. Täglich heute - Niemals gestern - Morgen kommt selber."
Sagt darauf der Hausfreund: „Ich versteh Euch nicht recht."
Da wollte der Adjunkt fast kurios werden, denn er kann es nicht leiden, daß man ihn nicht gleich versteht. „Wenn man heute eine gute Stunde hat", sagte er, „daß man sie mit Augen und Ohren, Vernunft und allen Sinnen gleichsam in das Gemüt hineintrinkt, und nicht daran denkt, daß es gestern schlimmer war, oder auch besser, und ob es morgen besser sein werde, oder auch schlimmer. - Wenn ich an das denken wollte, ich hab's auch schon besser gehabt, als bei Euch."
„Nichts für ungut", sagte der Hausfreund, „was folgt nun daraus?" -
„Folgt daraus, daß man ein gutes Gewissen habe. Denn das böse Gewissen kann Gestern und Morgen nie vergessen." „Fragt sich nun, Adjunkt, was macht er fröhlich"
- Antwort: „Alles was webet."
„Was versteht Ihr darunter?"
- „Erstlich und vordersamst", sagt er, „die Spinnen. Denn die Spinne webt ihr Netz, und schlägt gleichsam wie ein Krämer auf dem Jahrmarkt ihren Stand auf, so sie doch nichts feilhat, sondern sie wiegt sich hin und her in der lustigen Morgenluft, und zwischen den Rosensträuchen im Garten, und betet in ihrer Art auch das Sprüchlein: Aller Augen warten auf dich, sonst war das Sprüchlein nicht wahr. Hernach ißt sie eine Fliege, und wenn's sein kann zwei, weiß nimmer, daß sie gestern keine gehabt hat, und denkt nicht daran, wann der Sperling kommt. Also macht er jedes Tierlein fröhlich in den kurzen Tagen seines Daseins.
Zweitens, versteh ich darunter", sagt er, „den Weber. Denn ob er schon in einer dunkeln Kammer sitzt, und sich viel rühren und einen dünnen Faden nach dem andern einschießen muß in den langen Zeddel, so sieht er doch wie sein Tun gedeiht. Das Tuch wird glatt und fest, das Werk lobt den Meister, und wenn er innehaltet, und eine Prise nimmt, denkt er: Du nährest dich deiner Hände Arbeit, wohl dir! du hast es gut.
 Drittens", sagt er, „versteh ich darunter mich, den Adjunkt. Denn nach allem andern webe ich noch lustige Liedlein, Brechrätsel, ja Standreden in Euern Kalender, und alle Euere Leser haben mich gern. Seht hier ist nichts", sagte er, indem er die Taschen umkehrte, — „hier ist nicht viel — hier ist die Maultrommel und vier neue weltliche Lieder, die will ich drucken lassen, in Reutlingen. Wenn wir fertig sind, sing ich Euch eines davon.
Viertens und endlich", sagt er, „versteh ich darunter alles was webet, das heißt: alle Menschen. Denn Weben oder Webern heißt soviel als sich bewegen. In ihm leben, weben und sind wir. Weben heißt, rührig sein mit den Gliedmaßen, Schaffen und Arbeiten mit den Händen etwas Gutes."
„Folgt daraus, Adjunkt?"
„Folgt daraus: Wer die Hände in den Schoß legt, und nicht rührig und emsig ist an seiner Arbeit, der kann auch nie recht fröhlich sein, wenn er schon so aussieht. Denn es heißt: Du machest fröhlich alles, was webet."
„Fragt sich nun drittens, Adjunkt: Warum heißt es: Beide des Morgens und des Abends?"
Sagt der Adjunkt: „Weil nicht alle Tagszeiten gleich sind. Habt Ihr noch nie geachtet, wann die Schnitter am lustigsten sind? Morgens, wann sie hinausgehen, und abends, wann sie heimkommen. Oder wann stimmt Euer Nachbar, der Schuhmacher seine Lieder an: Süßer Christ, du, du bist meine Wonne? Am Morgen freut er sich, daß es an die lustige Arbeit geht. Er schneidet das Leder zu, und zwingt es über den Leist, und die Morgensonne grüßt ihn zwischen dem Kirchturm hinein und zwischen der Zehndscheuer. Am Abend freut er sich, daß die Arbeit ein Ende hat, und die Ruhe kommt.
Der Schuh ist fertig, nett und ohne Tadel, die erquickliche Abendluft weht ihm zum Fenster hinein, und die Löffel und Gabeln rühren sich schon in der Schublade."
„Gut gegeben, Adjunkt, was folgt daraus?"
„Folgt daraus: Wer sein Geschäft nicht in der Ordnung treibt, heute alles tun will, morgen nichts, vormittags sitzt er im Wirtshaus, nachmittags muß das Geschäft doch fertig sein, also bleibt er daran bis Mitternacht - einen solchen Menschen kann er nicht fröhlich machen, denn ein solcher respektiert die Tagszeiten nicht."
„Adjunkt", sagte der Hausfreund, „wenn Ihr alle Sprüchlein also auszudeuten wißt, so ist an Euch ein Pfarrer verlorengegangen. Singt mir jetzt Euer Liedlein!"
Da sang der Adjunkt durch Seefelden hinauf das Liedlein vom König Högne. Es war hübsch.

 
 
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