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Der gläserne Jude      (1814)

Im letzten Krieg floh ein polnischer jude vor einem Husaren, der ihn zusammenhauen wollte, in das Haus seines Schwagers. Der Schwager der sonst sein Freund nicht war, steckte ihn gleichwohl in einen Kornsack und legte ihn auf den Boden. „Nausel rühr dich nicht, sonst sind wir beide kapores." — „Doved ich rühr mich nicht." Kommt auf einmal der Husar mit zornigem Säbel zur Türe herein, und, „wo ist der Spitzbub", schrie er mit grimmiger Gebärde; der Schwager erwiderte: „Na gestrenger Herr Unteroffizier! daß mein Haus keine Spitzbubenherberge ist. Bin ich nicht ein ehrlicher Jüd." Der Husar erwiderte: „Wo der Spitzbub ist, will ich wissen, der mich um vier Taler betrogen hat", und visitierte in allen Winkeln herum. „Was habt Ihr in diesem Sacke da", fuhr er den Schwager an, und hielt ihm den blanken Säbel über den Kopf. „Grausamer Herr Unteroffizier, was werd ich haben in dem Sack do? Glas." Da hieb im Zorn der Husar zuerst mit flachem Säbel, hernach mit dem Rücken des Säbels aus Leibeskräften auf den Sack. Soviel Hiebe, soviel Schwielen. Der Jude aber der darin steckte, dachte: „Ich will meinen Schwager nicht steckenlassen, mich noch weniger", und machte unaufhörlich mit reiner Stimme kling, kling, daß der Husar meinen sollte, er höre Glas klingeln. Item, es half etwas. Denn der Einfall kam dem Husaren selbst so lächerlich vor, daß schon sein halber Zorn gebrochen war. Also schlug er auch noch die andere Hälfte desselben an dem Sack heraus, und der Jud inwendig tönte immer schneller kling, kling, kling. Als aber der Husar fort war und der Jude blutrünstig aus dem Sack schlüpfte und sich beschaute: „Gottes Wunder", sagte er, „mein Leben lang will ich um 4 Taler kein Glas mehr werden."
 
 
 





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1803-1826