Die Briefe an Henriette Hendel-Schütz
 
(und Friedrich Karl Schütz)
 

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Die dritte Frau, die außer Gustave Fecht und Sophie Haufe in Hebels Leben
eine bedeutsame Rolle spielte, entstammt einem ganz anderen Milieu. Es war
die Schauspielerin Henriette Hendel-Schütz. Als die Sechsunddreißigjährige im Spätherbst 1808 zu einem Gastspiel in der badischen Residenz eintraf und als Künstlerin und Mensch des Dichters Herz eroberte, konnte sie bereits auf eine beruflich wie persönlich bewegte Lebensbahn zurückblicken. 1772 als Kind eines Schauspielerehepaares geboren, hatte sie von klein an Bühnenluft geatmet. Mit sechzehn Jahren wurde sie die Frau des Tenoristen Friedrich Eunicke.


Portrait von Joseph Schwachhofer (1772–1829)

1796 trat sie in den Verband des von Iffland geleiteten Berliner Schauspielhauses ein, wo sie in der Berliner Erstaufführung von Schillers „Jungfrau von Orleans" die
Titelrolle verkörperte. Nach der Trennung von Eunicke reichte sie dem Berliner Arzte Dr. Mayer die Hand; diese Ehe war nur von kurzer Dauer. Ihren dritten Mann, den Militärarzt Hendel, entriß ihr der Tod.


Zeichnung von Joseph Nicolaus Peroux

Kupferstich von Heinrich Ritter (1809)


Auf ihren Gastspielreisen ist die Hendel-Schütz mit zahlreichen bedeutenden Persönlichkeiten ihrer Zeit bekannt geworden; es scheint geradezu zu ihren Geschäftspraktiken gehört zu haben, den Ruf ihrer Darbietungen durch prominente Urteile zu mehren. Johann Peter Hebel befindet sich als ihr Verehrer in durchaus glanzvoller Gesellschaft; freilich mag der kindliche, lautere, ihr in reiner Begeisterung anhangende Mann sich darin ein wenig untypisch ausgenommen haben. Wie der alemannische Dichter in der Schauspielerin ein konträres Element, etwas verlockend Vagabundisches, zu finden meinte, so suchte vielleicht sie in ihm ihr Gegenteil, jene bürgerliche, bodenständige Festigkeit, nach der die weltfahrenden Leute des Theaters sich zuweilen heimlich sehnen. Beide blieben sich dabei bewußt, daß es sich nur um flüchtige Wunschbilder handelte, nach denen man nicht greifen durfte, denen nachzuträumen aber wohl dann und wann eine müßige Stunde wert war. Und Henriette Hendel soll bis an ihr Lebensende 1848 mit Vorliebe Hebels Gedichte vorgetragen haben. Dieser soll aber oft nachdenklich zu dem Bildnis der „Zauberin Medea" aufgesehen haben, das bis zur Neige seiner Tage sein Wohnzimmer schmückte.

Die verehrte Künstlerin wurde in Hebels „Rheinländischem Hausfreund" zu einer stehenden Figur, der „Schwiegermutter des Adjunkten", und zur Widmungsträgerin des „Schatzkästleins".

Ihr (vierter) Gatte Friedrich Karl Schütz revanchierte sich durch anerkennende Besprechungen der Hebelschen Werke. 1817 kam es bei einem Gastspiel in Karlsruhe zu einem Wiedersehen. Das Ehepaar Schütz hätte gern in der badischen oder auch in der württembergischen Residenz Wurzel geschlagen. Da dies jedoch nicht gelang, zogen sich die beiden resigniert nach Halle zurück. Nach der Zerrüttung der vierten Ehe Henriettes riß ihr Briefwechsel mit Hebel ab.

   
 

 


Die Auswahl der o. a. Zitate orientiert sich an:

Johann Peter Hebel: Briefe; ausgewählt und eingeleitet von Wilhelm Zentner;
C. F. Müller, Karlsruhe & Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München, 1976


 
 
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