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AN FRIEDRICH AUGUST NÜßLIN

   

Wohl der bösen Gewohnheit mir bewußt, die Posttage gegen meine freundlichen und nachsichtigen Correspondenten nicht immer richtig einzuhalten, bin ich mir, mein theuerster und verehrter Herr Hofrath und Freund, diesmal, wo es um den Trost einer bedrängten Wittwe gilt, die Gerechtigkeit schuldig, Ihnen zu sagen, daß ich mit eigenem Unmuth meine Antwort auf Ihr letztes werthestes Schreiben bis jetzt verschieben mußte, wenn ich Ihnen nicht noch weniger sagen wollte, als ich Ihnen leider auch noch heute sagen kann. Zwar von dem Großherzoge zu vorzüglicher Berücksichtigung empfohlen, lag die Bitte der guten Frau Mathy bisher im Ministerium des Innern. Schon seit meiner ersten Nachfrage erhielt ich von Zeit zu Zeit die Nachricht, daß sie letzt vorgelegt werden soll — daß sie jetzt vorliege — daß ich nächstens — morgen — heute noch die Resolution erhalten würde.

Nun wirklich, heute erfahre ich von dem Referenten, daß sie mit Empfehlung an das Finanzministerium abgegangen sey. So weit sind wir. Um die Geschichte des Ganges dieser Sache nicht lückenhaft zu lassen, muß ich Ihnen sagen, daß die Vorstellung der Supplicantin allerdings schon im Juni an die Kirchensection aus dem weltlichen Plenum abgegeben wurde. Sie ward von da mit dem Bemerken zurück gegeben, daß man diesseits weder die Mittel besitze noch die Verbindlichkeit zu haben glaube, Etwas für die Bittende zu thun, und ich wäre meines Ortes damit auch aus dem weiteren Grunde zufrieden, weil ich hoffen durfte und noch hoffe, daß sie aus iedem ändern Fond doch reichlicher könnte bedacht werden als aus einem diesseitigen, auch in dem glücklichsten Falle geschehen würde und könnte. Möge nun das Finanzministerium diese Hoffnung erfreulich rechtfertigen. Ich gebe Ihnen so bald als möglich weitere Nachricht, hoffentlich wenigstens doch bis zum 11. September mündlich, wo ich zu der Herbstprüfung in M[annheim] eintreffen werde. Sie wissen, theuerster Freund, welches Wiedersehen mir diese Sendung lieb und erfreulich macht. Möge ich Sie gesund und froh wieder finden.

Sprechen Sie mit Güte Ihrer edlen Gattinn meine Verehrung aus. Ich verbinde damit die wiederholte Versicherung meiner aufrichtigsten Hochachtung und Liebe, mit welcher ich stets verbleibe

Ihr ergebenster Freund      Hebel           

Den 8. August 1826.

 

 

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