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AN FRIEDRICH AUGUST NÜßLIN

   

Theuerster Freund!

Schon in die zweite Woche bin ich wieder hier und verlängere mir den Genuß jener köstlichen Stunden, die ich bei Ihnen und Ihrer edeln Familie zubrachte, in lebhaften und dankbaren Erinnerungen. Daß ich Ihnen gleichwohl diesen meinen Herzensdank für alle jene Freundlichkeit Jetzt erst aus der Ferne nachrufe und Ihnen sage: Ich war sehr glücklich bei Ihnen! entschuldige ich nicht. Sie glauben mir, daß ich sehr viele Geschäfte mit heim gebracht, und viele, die auf mich warteten, hier angetroffen habe, und daß mir nicht jede abfällige und müde Stunde gut genug ist, an Theuere und Werthe, wie Freund Nüßlin ist, zu schreiben. Auch wollte ich den Brief nicht ohne den Nachschuß von Charaden, Unkräutlein von der Winterhalde des Parnassus, abgehen lassen, die ich zum Theil selbst wieder erst eintreiben mußte. Aber wenn ich von der Gütigen, die dem ersten Pröblein eine so schmeichelhafte Aufmerksamkeit schenkte, nun noch auf einigen neuen Beifall hoffen darf, so kann es nur noch der seyn, daß ich biblisch, d. h. nach dem Sprüchlein: „Jedermann giebt zuerst guten Wein hernach den geringeren", zu handeln weiß, wie wohl ich an Ihnen, gütiger Freund, neben vielem Ändern gerade das Unbiblische preisen muß, daß Sie mich von Anfang bis zu Ende in sehr reicher Abwechselung mit dem Köstlichsten und Köstlichsten bewirthet haben.

Ohne Zweifel wissen Sie schon vorläufig, welche Gelegenheit Ihnen der Großherzog gemacht hat, sich ihm persönlich präsentiren zu können. Sey Ihnen die so gerechte Anerkennung Ihres Werthes und Verdienstes so erfreulich, als sie uns allen ist. Nun darf ich um so gewisser hoffen, daß wir Sie, wie Sie es ohnehin Willens waren, bald bei uns sehen werden, und wenn ich mir nicht versagen kann, meine edle Frau Hofräthinn mit diesem Namen zu begrüßen, so huldige ich doch auch damit nur dem, was hoch über allen Titeln steht.

Meine Verehrung der guten Frau Geheimräthinn und viel Schönes der frohsinnigen Schutzpatronin meiner Charaden. Ich grüße Sie und die Ihrem väterlichen Herzen theuer sind.

Mit Hochachtung und Liebe Ihr ergebenster     Hebel       

Karlsruhe, den 6. October 1823.

 

 

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Nachschuß von Charaden: Hebel hatte auf Wunsch
von Frau Nüßlin dieser eine Sammlung seiner früher
verfertigten Rätsel und Charaden übersandt und war
nun um eine weitere Auswahl angegangen worden.
welche Gelegenheit Ihnen der Großherzog gemacht hat:
Nüßlin hatte den Titel Hofrat erhalten.

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