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AN FRIEDRICH AUGUST NÜßLIN

   

Sie hatten mir, lieber theuerster Herr Director und Freund, durch Ihr freundschaftliches Schreiben ein köstliches Angebinde zu dem neuen Jahr zugedacht, das mir auch noch an dem Tag, an dem ich es empfing, hoch erfreulich war und immer bleiben wird, weil sein Werth an keinen Tag und keine Zeit gebunden ist, weil es kein Gelegenheits-, kein Höflichkeitsbrief, sondern ein Brief des Herzens und der Liebe ist. Zwar kann ich, edler Freund, das Alles unmöglich auf meine Rechnung nehmen, was Ihre Liebe mir zu gute schreibt. Ich möchte vielmehr mit jenem Gerechten fragen: „Herr, wann haben wir...?" Nein, Sie sind es und Ihr frommes, lebendiges Bestreben, dem Sie nächst der Vorsehung Ihre schöne Entwicklung und Ihre Stellung im Zusammenhang des gemeinsamen Wirkens für die edelsten und heiligsten Zwecke verdanken.

Aber ich erfreue mich sehr, weil doch Gott meistens durch Umstände und Gelegenheiten, wie wir es nennen, uns erzieht und leitet, ich freue mich, daß er uns einst zusammengeführt hat und uns ein schönes Beysammenscin gegönnt hat, dessen Erinnerung auch meinem Herzen werth bleibt und daß ich auf diesem Wege, wenn auch ohne mein großes Verdienst, einen Antheil an den schönen Erfolgen Ihres Strebens und Ihrer Thätigkeit und an den Früchten habe, die Sie selbst davon genießen. Dieses, vortrefflicher Freund, und die Versicherung Ihrer Liebe, ist es, was ich mit inniger Freude aus Ihrem Briefe annehmen kann, und es ist viel, sehr viel, und ich nehme es mit aufrichtiger Gegenliebe an, über die ich Ihnen nichts sagen will, weil ich hoffe und weiß, daß wir von etwas Einverstandenem reden. Gott erhalte Ihre Gesundheit und Kräfte! Aber seyen Sie auch ein wenig Ihr eigener Gott, und mäßigen Sie Ihren — soll ich sagen — verzehrenden Eifer, und bedenken Sie, daß es dem Dasein nicht so viel Werth giebt, alles Mögliche oder vielleicht Unmögliche auf einmal bewirken zu wollen, als lange und in der Summe viel mehr zu wirken und daß Sie auch einer edeln Gattinn und theuern Kindern angehören.

Herr Assessor Seitz, der diesen Brief Ihnen überbringen will, ersucht mich um ein gutes Wort bei Ihnen. Sie werden gerne, und würden auch ohne diese Empfehlung gerne, ihm Ihren Rath ertheilen, um den er Sie bitten wird, und ich glaube fast, daß Sie die Ansicht nehmen werden, die ich habe, und eben deswegen Ihnen nicht sage, wenn anders er Ihnen nicht Gründe mittheilt, die er mir verschwieg.

Herzlich und unveränderlich

Ihr ergebenster      Hebel             

Den 14. März 1819.

 

 

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