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AN FRIEDRICH AUGUST NÜßLIN

   

Karlsruhe, den 8. Sept. 1810         

Also, mein Bester, habe ich mich vergeblich auf Ihre Rückkehr gefreut. Ihr Freund Hitzig in Rüppur auch, der keine Stunde mehr ruhig in Karlsruhe sein konnte, aus Furcht, Sie könnten unterdessen daheim bei ihm angekommen sein. Doch gegen die Gründe Ihrer eiligen Vorbeireise läßt sich nichts sagen. Die Freundschaft darf nicht eigennützig und nicht unbillig sein, und es ist ganz an seinem Orte, daß man sich auf einer solchen Reise den Genuß der entfernten Freunde nicht verkürzt, um der nahen willen, die man immer haben und erreichen kann. Aber diese gutwillige Entsagung Ihres billigen Freundes vergüten Sie ihm doch, nicht wahr? wenn Sie bald wieder nach Karlsruhe kommen.

Aber am allerwenigsten dachte ich bei dem Wunsche und der Hoffnung, Sie zu sehen, an den Gegenstand, den Sie mir in Ihrem lieben Schreiben auseinandersetzen. Freund, wer soll billig gegen uns sein, wenn wir es nicht selber gegen einander sind, und wenn wir von wenig Einzelnen einer Schule ihren ganzen Zustand und die Verdienste ihrer Lehrer beurtheilen wollten, zumal an einem neuen und also zusammengesetzten Institute? Ich war bei der Prüfung und Location der iungen Mannheimer, die mir dort schon etwas weit oben zu sitzen schienen, nur besorgt, mir stille Vorwürfe, weniger von Ihnen als andern Lehrern und den Eltern zuzuziehen, wenn ich hier die Kinder nicht in dieienigen Abtheilungen bringen könnte, welche mit denen in welchen sie in Mannheim saßen, zu correspondiren schienen, und wenn ich irgendwo etwas darüber sollte gesagt haben, das Sie vielleicht wieder gehört hätten, so rührt es einzig aus dieser Quelle, wiewohl es eigentlich ganz unmöglich ist, die verschiedenen Klassen zweier Institute gegen einander in Parallele zu setzen, so lange sie nicht nach einem Plan und Zuschnitt eingerichtet sind. Unser neuer Generalplan schläft noch. Ihr Institut leidet nichts dabei, das seinen eigenen, noch neuen und zweckgemäßen Plan hat; aber das hiesige, an dem schon seit 50 Jahren wenigstens meines eigenen Gedenkens seit 1774, unaufhörlich provisorisch geflickt wird. Aber daß Sie mir den Professor Gerstner von hier wegzaubern möchten, wenn Sie könnten — ich bin nicht rachsüchtig — aber zur Strafe und zur Aufrechterhaltung des Vergeltungsrechtes müßten Sie mir auf der Stelle zu Gerstner kommen — wenn ich eben Alles könnte. Doch ist es besser und dem Ganzen zuträglicher, daß solche Männer vertheilt sind, und hätte nur iede Schule — Einen dergleichen.

Ich bin mit auf richtiger Liebe und Ergebenheit

Ihr Freund    Hebel             

 

 

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