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AN FRIEDRICH AUGUST NÜßLIN

   

Theuerster Freund!                                                             Den 1. Juni 1809

Doch endlich einmal ein Brief. Die Entschuldigung für meine Saumseligkeit wird mir nirgends leichter, als bei einem Manne, der auch weiß, wie es oft einem armen Schulherrn und Director an allen Knopflöchern, nach allen Seiten zupft und zieht — und der so gütig und nachsichtig sein kann, wie Sie. Ihr liebes Schreiben war mir ein schöner Beweis Ihrer fortdauernden Freundschaft für mich, die mir so werth ist, und wie gerne und wie lange schon möchte ich Sie irgendwo, und am liebsten in Ihrem eigenen häuslichen Wesen, wohin Sie mich so lieb und freundlich einladen, wieder einmal sehen und umarmen. Doch es liegt vorderhand noch etwas Unebenes zwischen mir und Mannheim, wiewohl nicht das, was Sie auf den unartigen Professor von Karlsruhe so böse macht, und mit Recht böse, da es ihm in Mannheim so wohl ist, auch durch Sie. Glauben Sie mir, er ist gerne dort, und nur ein Karlsruher kann ihn darum loben, daß er sich so zu verstellen weiß. Aber doch muß ich gestehn, ich wünschte Sie an einem ändern Orte besuchen zu können, wenn's auch näher wäre. Da Sie aber Ihren Platz und Ihren schönen Wirkungskreis schwerlich sobald vertauschen werden, was ich auch nicht wünschen kann, außer wenn Sie zu uns kämen, so besuche ich Sie doch einmal in Mannheim, und weiß, wenn es auch später geschehen kann, daß ich ein freundliches Gesicht und Herz bei Ihnen finden werde. Aber unterdessen dürfen Sie doch brav sein, und zuerst sehen, ob Karlsruhe, wie man sagt, noch am alten Flecke steht. Das Herz Ihres Freundes bleibt an dem alten und ist Ihnen mit unveränderlicher Liebe zugethan und eigen.

Jagen Sie doch einmal den Professor fort!                                   J. P. Hebel