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AN FRIEDRICH AUGUST NÜßLIN

   

Den 16. März 1806         

Ich kann es nicht verantworten, mein Bester, nein, ich kann es nicht, daß ich Ihnen
so lange mit meiner Antwort ausblieb, zumal in einer Angelegenheit, in welcher Sie vielleicht mit Verlangen, vielleicht mit Verlegenheit der Erklärung entgegensahen. Ich will's kurz fassen und mich mit einer Lüge entschuldigen. Die Frau [von Menzingen], deren Söhne eines einsichtsvollen und soliden Mannes zum Freund und Lehrer so bedürftig waren, war den ganzen Winter nicht hier. Von einer Woche zur andern erwartete ich auf ihre Rückkunft. Es ist kein Wort daran wahr, aber ich möchte es Ihnen so leicht als möglich machen, mir zu verzeihen, wenn Sie so gefällig sein wollen, es zu glauben. Diese Frau, da ich einmal mit ihr den Anfang gemacht habe, hat unterdessen den Plan ihre zwei Söhne betreffend geändert. Der eine ist bereits Lieutenant bei der Leibgarde, und sieht mit seinem flammenden Schwert schon aus wie ein leibhaftiger Cherubim. Der andere will zwar studiren, aber als Edelmann, und glaubt mit Einer Stunde täglichen Unterrichts bei unserem Freunde Gerstner auszureichen. So leid es mir nun ist, voreilig vergebliche Erwartungen bei Ihnen erregt zu haben, und Sie nicht so bald wieder bei uns zu sehen, als ich gehofft hatte, so hat mir doch die Fr. die Ausübung einer schweren Pflicht abgenommen, Ihnen selber wieder abrathen zu müssen, indem ich mich bei näherer Beobachtung überzeugt hatte, daß diese Stelle nicht angemessen für Ihre Wünsche gewesen wäre. Möge Sie also der Himmel recht bald unter einem ändern und günstigeren Stern zu uns zurückführen!

Mit allem Uebrigen hat sich's gut. Ich war seit meinem letzten Schreiben an Sie gesund, Ihnen herzlich gut, und in der Schweiz. Gern flog ich von Bern aus, wo ich Ihnen am nächsten war, zu Ihnen hinüber, oder hinaus. Aber es war für die Beschränktheit unseres Reiseplans zu weit. Ich kehrte von dort aus schon wieder über Biel durch das Münsterthal nach Basel zurück, und begnügte mich, den Berg- und Brunnengeistern des heiligen Juragebirges meine besten Begrüßungen und Wünsche für Sie anzuvertrauen.

Nun auch etwas Neues, wozu Sie nach Belieben lachen oder weinen können. Krieg zwischen den zwei souveränen Potentaten von Baden und Württemberg wegen Besitznehmung einiger streitiger Edelmannsgüter. Nun, zum Ausbruche wird es hoffentlich aus beiderseitiger Klugheit und Furcht vor dem Dritten nicht kommen. Doch hat man sich schon aus verschiedenen Ortschaften mit Gewalt delogirt; mehrere Württemberger wurden gefangen eingebracht oder entwaffnet. Bataillone und Geschütz rücken von beiden Seiten an die Grenzen. Daß wir dem grimmigen Raubthier von Württemberg und Teck das Breisgau wieder entrissen haben wird Sie doch auch freuen. Sed inter arma, non silent Musae: Denn Diaconus Romann in Pforzheim gibt eine Sammlung der badischen Pfarr-Verordnungen heraus und ich arbeite wirklich an ein paar heillosen Lese-Artikeln für den badischen Landkalender 1807. — Wissen Sie schon, daß Treutel an das Pädagog. in Lörrach kommt? Hitzig wird Diacon in Müllheim, dieser Pfarrer in Hauingen, dieser in Ötlingen, Zandt kommt nach Mundingen.

Lassen Sie mich, Lieber, nicht entgelten, was ich an Ihnen gesündiget habe. Erfreuen Sie bald wieder mit einem freundschaftlichen Schreiben

Ihren ergebensten Freund       Hebel             

 

 

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