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AN FRIEDRICH AUGUST NÜßLIN

   

Den 8. Januar 1805         

Wohl habe ich, mein Bester, am nemlichen Tag und vielleicht in der nämlichen Stunde, in der ich vor einem Jahr an Sie geschrieben hatte, wieder an Sie gedacht, und nicht geglaubt, es sei zu bald, wenn ich Ihnen schon wieder schreibe, sondern ich hatte nicht Zeit, und wollte es, schon so lange verschoben, noch ein wenig weiter hinausschieben. Haben Sie herzlichen Dank für das freundschaftliche Schreiben, mit welchem Sie mir unterdessen wieder entgegengekommen sind, und in welchem Sie mir iezt schon alles Erfreuliche sagen, was ich erst in Ihrer Antwort auf mein Schreiben zu erfahren verdient hätte, daß Sie gesund und froh und mir doch noch gut sind. Parenthesis: Da bemerke ich eben in der dritten Zeile, auf dieser Seite natürlich, von oben gezählt, ein fatales „wieder". Nehmen Sie es doch ia nicht so, als ob ich des 31. Decembers bedürfte, um alle Jahre ein Mal an Sie zu denken. Ich hätte ia, wenn ich auch der äußern Veranlassungen dazu bedürfte, vor und nach dem 31. der Anniversarien von Ihrem freilich nur kurzen Aufenthalt bey uns, doch so viele in stillem Andenken zu feiern, aber ich bedarf dieser äußern Veranlassungen nicht einmal, sondern benuze sie nur gerne. Die Parenthese hat ein Ende.

Ihre interessanten Reisen, die Sie unterdessen gemacht haben, wollte ich recht schön loben, wenn Sie nur in Emmendingen daran gedacht hätten, wie nahe damals Karlsruhe war. Aber stille! Und keine Entschuldigung! Sie waren in dem Schooße und Umgange der Ihrigen, auf den lieblichen Fluren Ihrer frühern Jugend, zwischen den Bäumen und Teichen, auf denen und in denen Sie einst fröliche Stunden bald in Gesellschaft der Distelfinken und Eichhörnlein, und bald der Forellen und Grundeln zubrachten. Dort sind goldene Stunden, wenn auch hier silberne Tage wären. Und dann ie weiter man sich schon von seinem Standorte entfernt hat, desto weiter findet man auch das Nahe, das man noch vor sich hätte. Das würden Sie mir ohne Zweifel sagen, wenn ich nicht verriethe, daß ich's schon weiß. Gerne möchte ich Ihr schönes und reiches Herbarium iezt schon mit Ihnen durchmustern und noch lieber die mancherley interessanten Erzählungen von Ihnen hören, mit denen Sie mir die Durchsicht würden zu begleiten wissen. Sie haben die schönste Seite eines Herbariums, daß man selber in Thal und Bergen, an First und Halden sammelt, frühe gefunden. Es hat uns hier ein weiland Priester von Salem, aber nicht der König Melchisedek, sondern der Pater Gregorius, um drei Louisd'or a Person, wer Lust dazu hatte, die edle Kunst der Mnemonika gelehrt, noch ehe in diesem Fache Arretin's Name bekannt war, und ehe unser K[lüber] sich soviel Mühe gab, dieser Kunst, in welcher er selber noch nicht Adept ist, Aufmerksamkeit und Zutrauen zu verschaffen. Aber was für ein Schatz und Apparat für die Erinnerungskunst in einem Herbarium steckt, das wissen alle diese Mnemoniker noch nicht.

Gmelin's vortreffliche Flora Badensis, Alsatiae et confiniurn regionum a lacu bodamico usque ad Mosellam cis-et transrhenana wird nun endlich einmal wirklich gedruckt, kann aber theuer werden circa zwölf Gulden. Um besonderer Verhältnisse willen, in denen ich mit dem Verleger stehe, hoffe ich jedoch für mich und meine Freunde, wenn ich eine artige Bestellung zusammen bekomme, einen ansehnlichen Rabatt zu erhalten. Dies wollte ich Ihnen nicht verhalten, wenn etwa Sie oder Jemand dort Lust dazu hätten. Und ich möchte es eigentlich um deßwillen wohl wünschen, damit Sie mir bald wieder schreiben müssen, weil bis Ostern der erste Band herauskommt. Wo hätte ich träumen können, daß die anspruchslosen allemannischen Gedichte, die nun bald die dritte Auflage erleben, solche Aufmerksamkeit der Gebildeten, und selbst den Beifall von Männer wie Jacobi, Jean Paul und Voß erhalten würden. Er lebte lezten Herbst mit seiner Ernestine eine Woche hier, dieser gesang- und kampfrüstige Heros. Ich war fast täglich, sei es auch nur bei Drechsler in seiner Gesellschaft, und er ließ einen Sohn zurück, der hier Baukunst studirt und mit uns bei Sander speist. Aber, lieber Freund, dieser Beyfall hat mich zur Fortsetzung nicht aufgemuntert, sondern verzagt gemacht. Ich mag ihn nicht selber wieder wegsingen. Der Geist, der damals so stille über mir schwebte, ist beschrieen und, ich fürchte, verschwunden. Es ist ein heiliger Geist von eigener Laune, der mit keinen Pfingst- noch Christglocken herbeizuläuten ist, wenn er nicht selber kommen will, wiewohl ich ihm zu Dank nachsagen muß, daß er sich auch schon manchmal durch Glockengeläute hat wecken lassen. Zwei Proben vom Nachtrieb hat die Iris 1804 und 1805 aufgenommen, und nur noch etwas Weniges und Gemeines habe ich in den Papiren.

Ich weiß überhaupt nicht, wie ich bin. Werden Sie mir glauben, daß heute schon die vierte Vorstellung im dritten Abonnement gegeben wird, und daß ich noch nicht im Schauspiel war? So wenig ist es wahr, was geschrieben steht: „Und Ueberdruß befällt uns nimmer." Ich verschmauche iezt alle lieben, langen Winterabende nur noch in der Gesellschaft des braven Gerstners und einiger ändern Freunde bei Drechsler, und damit ich nach und nach alle Sonnen- und Schattenseiten des schönen Geschlechts kennen lerne, so studire ich nebenher, in Ehr und reinen Züchten jedoch, die junge Aufwärterin daselbst, die der tiefnarbigen und geistreichen Schauspielerin im Polus antarcticus gegenüber steht und das Ideal in der Wirklichkeit darstellt, nach welchem der reine Geschmack in allen Künsten streben soll, „schöne Einfalt". Ich behauptete gestern, es sei ein Sprachfehler, daß man sage der, und nicht die oder das Ofen. Denn dieser Ofen, sagte ich, um den Ihr hersteht (es ist ein eiserner) weiß euch, wie ein holdes Mägdlein, alle an sich zu ziehen und wie ein verständiges und tugendreiches Mägdlein alle in der gehörigen Entfernung zu halten, und sich vor eueren Umarmungen zu schützen! Das nahm das liebliche Närrlein als ein nicht gemeines Compliment auf seine Rechnung. Ich rieth ihr zwar, sich das Gute daraus zu bemerken, etwas Schönes hätte ich ihr eigentlich nicht sagen wollen. Indessen ersuchte sie mich doch noch in der nemlichen Stunde, ihr mit einer Stecknadel den Rock hinten über der Stelle, die die Venus seines Ortes schön macht, am Leiblein anzuheften, vermuthlich wegen der Schattenseite. Ob ich ausgelacht wurde?

Welche Lappalien, werden Sie denken, von Karlsruhe bis nach Genf, und von einem Professor? Darum möchte ich Sie gerne in Ihrem Geiste mitten unter uns ziehen, und das kann man nur, wenn man in's Detail geht. Aber ich will Sie doch nicht ermüden. Ich höre auf, und bin mit gutem Blut

Ihr ergebenster     Hebel             

 

 

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