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AN FRIEDRICH AUGUST NÜßLIN

   

Es ist Ihr Spaß, mein lieber Nüßlin, daß Sie mich fragen, ob ich mich noch an Sie erinnere. Mein Geist muß Ihnen schon oft erschienen sein, wenn Sie halbwegs ein Sonntagskind sind. Sie sind mir während unserer kurzen näheren Bekanntschaft sehr lieb geworden, und haben meine ganze Werthschätzung mit sich genommen. Ich sage so etwas gern natürlich und kurz — ich könnte es Ihnen mit vielen Worten nicht besser und nicht wahrer sagen. Und demnach muß mein Geist oft bey Ihnen sein, aber das heißt freilich nichts anderes, als mein Geist hat Sie oft bey sich.

Daß Sie angefangen haben, in Genf froh zu sein, und für alle schönen Reize des Paradieses, das Sie umgiebt, sich zu öffnen, habe ich gerne vernommen, und von wem lieber als von Ihnen selbst. Sie haben wohlgethan, nicht daß Sie uns, aber daß Sie Karlsruhe verlassen haben. Alle heiligen Götter wären von uns gewichen, wenn nicht die Doxa noch den Apollo gebannt hätte. Zwar der göttliche Bromios ist nicht uns, sondern wir ihm untreu worden. Es ist eine Kleinigkeit, daß ietzt Castraten und Pfaffen in Italien, und Barbaren in Griechenland auf klassischem Boden hausen, oder wie Heinrich Stilling im „Heimweh" sagt, daß die Türken in Constantinopel und Jerusalem wie Würmer in einem Leichnam wühlen, — die Philister und Gnoten, die Friseurs und Stallknechte, die Glasträger und Scheurenkrämer sollten Sie ietzt im Bären auf den Stühlen sitzen sehen, wo einst wir Heroen saßen. Dafür nimmt die züchtige Thalia Rache. Schon den ganzen Sommer sitzt sie und giebt sich Preis in Bruchsal. Das verschmerze ich nicht; ich suche bey meinen Schülern allen Sinn für's Schöne zu unterdrücken, und es ist meine Schuld nicht, wenn in zwanzig Jahren nicht alle Schauspielhäuser in Europa geschlossen, alle Theaterkassen gesprengt, alle Directoren am Bettelstab sind. Höchstens sollen noch gereimte Stücke aus der Bibel in Scheuren gegeben werden. Demoiselle Leonhard soll die Susanna im Bade machen. Hermannstein soll den Zuccarini im „Tod Abels" mit einem Dreschflegel erschlagen. Gutmann soll den Vogel in „Esther" an die First henken, und das letzte Stück von allen soll das deutsche Gierusalemme liberata sein. Die Hussiten vor Naumburg verwandeln sich in Assyrer, Naumburg in Jerusalem, Prokopius in Sanherib. Die Zuschauer schlafen vier Akte hindurch. Im fünften schlafen aus Erkenntlichkeit die Schauspieler selber ein. Dies ist der wichtigste Moment im Stücke. Der Engel des Herrn tritt in der Person des Soufleurs mit einer Heugabel hinter einer Wanne hervor, sticht die schlafenden Assyrer alle todt. Jerusalem, das heißt die Scheuer ist gerettet; der Unfug hat ein Ende; die arme theaterdurstige Seele hat Ruhe, und die Schildwache am Linkenheimerthor auch. Das soll meine Rache sein, und wenn Sie mir aus dem Ländlein Gex nur 200 Subscribenten verschaffen, so componire ich Tags darauf das Stück und dedicir's dem Vogel mit der Versicherung und dem Trost, daß er in diesem Stück nicht mehr als Acteur incommodirt seyn, sondern von der Prüge herab aus der ersten Loge zuschauen soll.

Hat Ladomus noch nicht von Burgdorf aus einen Abstecher zu Ihnen gemacht? Sie wissen doch, daß er dort ist. Er könnte, da Pädagogik sein Fach nicht ist, und nach seinem eigenen Plane nicht werden soll, etwas Klügeres thun. Aber der gute Jüngling mit seiner schnellen, rebhaften Erfassung für alles, was ihm neu ist, und interessant scheint, läßt sich für Pestalozzi nicht nur todtschlagen, sondern, wenn's sein muß, lebendig schinden. Grüßen Sie mir Peterson und Fecht, und wenn ich wieder ein Schreiben von Ihnen zu erwarten habe, so melden Sie mir, wie es lezterem geht. Ich habe mich um sein selbst und seiner Familie willen immer für ihn interessiert. Wie weit sind Sie von ihm?

Führen Sie ia Ihren Vorsatz aus, wenn Sie können, von Genf aus das innere Savoyen und Italien zu besuchen, aber warten Sie nicht auf mich. Wie gerne möchte ich Ihnen sagen, Sie sollten auf mich warten! Denken Sie dafür an Ihren Freund oben auf dem kalten Montblanc! und glauben Sie mir, daß ich das immer seyn, und mich immer freuen werde, wenn ich etwas angenehmes von Ihnen höre. Also über den Rhein und die Aar und über den kalchigen Jura hinüber die freundliche Hand. Leben Sie wohl! Liebliche Hören mögen Sie umschweben!

 J. P. Hebel            

Den 27. August 1803

 

 

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die Doxa: Amalie Leonhard.
Gnoten: Handwerksburschen.
im Bären: Karlsruher Gastbaus an der Ecke des
 Marktplatzes und der heutigen Karl-Friedrich-Straße,
wo Hebel einen Stammtisch hatte.
gibt sich Preis in Bruchsal: Die erste Karlsruher Spielzeit
der Direktion Wilhelm Vogel hatte am 11. Mai 1803 geendet.
Die Truppe gastierte mit kurfürstlicher Einwilligung
 im Sommer in Baden-Baden, Heidelberg und Bruchsal.
Die Hussiten von Naumburg: Kotzebues Schauspiel
war am 2. April 1803 „nach dem Manuskript" zum
ersten Mal in Karlsruhe aufgeführt worden.

Ländlein Gex: die Schweiz.
Prüge: Heuboden.

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