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AN FRIEDRICH WILHELM HITZIG

   

D. 23sten Nov. [1803]       

Ich schicke dir mein bester Zenoides durch Maklott und Flick deinen Pathen das Wälderbüblein aus der Wiedertaufe. Die christliche Kirche wird ia gütig dazu sehen, daß wir sie ihm gegeben haben. Auch leg ich dir hier ein Mondkälblein zum Beschauen bey, das keine Pathen hat, weil ich ihm die Haus und Nothtaufe geben mußte. Es kam gar schwächlich auf die Welt, und ich zweifelte ob es seinen Freudentag, der ihm gestern zu theil wurde, erleben werde. Das arme Närrlein ist rachitisch.

Wir hatten einen fröhlichen Tag gestern, nemlich einen Lesegesellschaftsschmaus, von 60. Gedecken. Wärest du dabey gewesen! Zwar du wärest es, in meinem Gedächtniß und in meinem Herzen, hättest es auch im Gespräch werden sollen und können, da B[ommer] als Gast dabey war. Aber wir haben wenig mit einander gesprochen. Daß er nach Bruchsal kommt, Krause nach Durlach und Bommer der zweite nach Emmendingen soll, wirst du wissen. Holzmann kommt hieher nach Tertia. Der neue Plan für das Gymn. ist fertig und genehmigt. Dogmat. Homil. Catechetik und die praktische Philos. gehn schlafen. Leztere schläft zwar schon lange. Im Griechischen wird viel gethan. Cebetis Tabula und Gedicke in 3tia. Herodian und Lucian in 2da Xenophons Cyropädie Anabasis und Anakreon in 1ma, Herodot Plato Theokrit, Homer und ein Tragiker bey den Studenten. Das N. Test, sollte abgeschaft werden aber Wucherer hebts wie eine Hyäne zwischen den Zähnen. Warscheinlich bekomme ich die Rhetorik statt der Dogmatik. Ich bin allgemach so unverschämt geworden, daß ich alles übernehme was man mir zu lehren aufgibt. Ein wenig besser als die Zuhörer, weiß ichs doch, und das übrige steht zu lernen. Dem edlen König der Gothen und Wenden gefällt es noch recht wohl bey uns. Aber die Mannheimer zweifeln an seinem und unseres Hofes Geschmack und gesunden 5. Sinnen, daß man nicht lieber bey ihnen ist. Unser neuer Proteuser, der iezt in Petersburg seyn sollte, ligt auch noch drunten. Hier schick ich dir ein Müsterlein von einem Gedicht, woraus du ihn beurtheilen kannst:

Durchflammt der hohe Wille den Geist,
daß er die Locken im Sonnenmeer schüttle
daß er die Sternen im Tanze rüttle
und das Wiegenband der Erde zerreißt
so vermag ers. Im kühnen Flug
der ihn zum Throne der Urkraft trug,
raubt er zur Widergeburt einer Erde
ihr das schöpferische: Werde!

Es ist viel gesagt, aber er meint es sey wahr. Grüße dein edles Weiblein, und was ihr lächelnd auf dem Schoße ligt. Gott gönn euch im warmen Stüblein einen heitern Sinn.

Dein     Parmenideus           

 

 

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