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AN FRIEDRICH WILHELM HITZIG

   

Bester Zenoides!                                                        [Anfang September 1802]

Ich verlasse Karlsr, am Sonntag vor Micheli mit Sander, Welper und Fröhlich und gehe nach Hügelheim zu Schmidt an die Stuffen des großen, Niebewegten, Wolkenspendenden. Von dort aus soll es mir gar nicht ab der Hand und außer dem Sinne liegen, wenn der Genius mich anweht ihn gerade zu erklimmen den Großen, Nim-merbewegten, Oechsleinseligen, und wenn ich den Drekchdu und die Steissibruserie begrüßt, und Carolisens verwehte Spuren gesegnet, und vom Rekapitulationsblütschi aus den Großen, Weitgesehenen, Aethervertrauten noch einmal angebetet habe, eines Gangs das Thal hervor zu metzgen und wie Odysseus den besoffenen Polyphem, so ich den Kaps zu prügeln, und dann in Steinen den Dicken zu fragen, ob der Steg über die Wiese stehe. Sollte mir aber der Deus in nobis als einem durch 10iährige Verschwabenhamlung unrein gewordenen das herumtalpen auf heiligem Boden vor der Reinigung im Tempel verbieten, so werde ich auf der Straße der Schwabenhämmel nach Hertingen aber metzgen, bey dem Chatz mich noch einmal ganz erschröcklich verschwabenhammeln, über Candern nach Wisleth gehn und den Kaps doch prügeln, dann die heilige Bahn durchschneiden und in Hausen bey den Flußspatöchslein Quarantäne halten, dann in Schöpfen sie einige Tage fortsetzen, das Haupt in der Wiese waschen und endlich mich dem Priester zeigen. Selige Stunde der neuen Belebung und des Eintauchens in die heiligsten Gefühle in der Umarmung des Lieben und Theuren, das heißt, Deiner! Von da gedenke ich, wenn in einer guten Stunde der Ostwind nicht weht, das heißt wenn nicht die Luft vom Grabe des Pfeddelbacher Oberhammels neuerdings profanirend über die Thumringer Straße wandelt, nach Proteopolis um den Gräuel der Verwüstung an heiliger Stätte zu sehen, dann nach Basel zu wallen, um mir als Reliquie einen Span von der äußersten Hülle des Cynikulus herabzuschneiden, in Weil das Diarium meiner Wallfahrt nach dem Rekapitulationsgesez niederzuschreiben, und dann endlich selbst rekapitulirt das h. entsündigt, geheiligt, veräthert, für nimmer lange, nur um mich in die Glorie meiner Proteusischen Widergeburt noch eine Zeit lang sichtbar zu zeigen, in die Welschkorndichten, von keinem Oechslein besuchten Sandfelder zurückkehren — nicht mehr ein langsam weidender Schwabenhammel, sondern ein Metzger von kurzer Erscheinung.

Mein Jutzler auf dieser Reise wird ein leichter Mastelnack seyn. Welch ein Fluch dieses klotzigen Herumtreibens immer mit Materie bepackt und von ihr verfolgt zu seyn! Ich gedenke daher von Hügelh. aus den Mastelnack seine eigenen Wege gehen zu lassen und den KR. Sander zu bitten daß er ihn in K[alten] Herberg im Vorbeyfahren in den Postchaisenkorb werfen solle, und wenn alsdann das Vieh, nemlich der Mastelnack ein halbes Quintlein Vernunft hat, so wird er in Thumringen selbst an Land steigen und nach Rötteln hinaufgehn um mir, wenn ich nachkomme die allemanischen Lieder herauszugeben, die ich gern scharf recensirt von dir haben möchte, damit du sie in der Folge wenn sie mit dem Preßbengel am Hals in der Welt herumlaufen, desto glimpflicher recensiren könntest. Ich bitte dich also dieses Schlauchthier mit seinen Sieben Siegeln an der Stirne und mit seiner eisernen Kette im Maul und mit seinen hirnwüthigen Embryonen im Bauch, gern aufzunehmen und zu beherbergen, biß ich wie eine Rakete aus dem Hasenloch aufsteigend, oder wie eine Sternschnuppe vom Wintersbugg herüberschießend, oder wie eine Lawine von der Lukke herabrollend nachkomme, und zwischen den nemlichen vier Wänden mit dir die Wonne verwehter Tage widertrinke und alles andere vergesse. Deiner lieben sanften Daube meinen herzlichen Freundschaftsgruß, und euch beiden Lieben viel schöne Sterne an den Himmel!

Ewig Dein     H.      

 

 

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Pfarrer in Hertingen: Karl Friedrich Kramer.
Pfeddelbacher Oberhammel: J. Chr. Riedel.
Cynikulus: Scholer.
der Dicke: wahrscheinlich der Wuhrmeister in Steinen.

(Zumeist proteische Wörter und Begriffe:
der Wolkenspendende: der Belchen.
Öchslein: der Gegenstand eines Wunsches,
auch: ein angenehmer Fund, insbesondere von Mineralien.
Feldöchslein: Feldspat.
Seeöchslein: Quarz.
Dotnauer Öchslein: Flußspat.
Drekchdu: einfältiger Mensch.
Steissibruserie: Verdrehung aus Steinbrunner, dem Namen
des Neuenweger Bauern, der die Freunde Hebel und Hitzig
 bei der Besteigung des Beleben begleitet hatte.
Carolise: etwas Rätselhaftes, Geheimnisvolles.
Rekapitulationsblütschi: Blütschi ist eine alte Bezeichnung
für Blöcke oder Klötze. Vermutlich also eine Anhöhe, die
einen „rekapitulierenden" Blick auf den Belchen erlaubte.

metzgen: inkognito reisen.
Metzger: inkognito Reisender.
Schwabenhammel: Spießer.
Chatz: proteische Bezeichnung für einen Geistlichen,
 möglicherweise nach dem jüdischen „Katz",
der Abkürzung von Cohen Zedek (= würdiger Priester).
Proteopolis: Lörrach (Stadt des Proteus).
Jutzler: proteisch für Begleiter.
Mastelnack: Verdrehung aus Mantelsack.)

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