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AN HENRIETTE HENDEL-SCHÜTZ

   

Ich bin Ihnen, edle, theuerste Freundinn zu vielem, vielem Dank auch noch den besondern schuldig, daß Sie mich durch die Zusendung des Herrn Goldammer wieder ein wenig aufgerüttelt, und ich darf wohl sagen, mir Muth gemacht haben, wieder an Sie zu schreiben. Zwar vergessen — nein, das können Sie nie für mögl. halten, weil es unmöglich ist. Sie halten es auch nicht dafür, weil Sie sonst nicht so gütig an mich schreiben könnten. Nur eines glauben oder vielmehr wißen Sie nicht, daß ich so oft an Sie denke und midi Ihrer Güte freue, als es wirklich geschieht, — an manchen Orten noch extra, so oft ich dahin komme, z. B. ganz kürzlich auf dem Weg von Scheibenhard nach Beuertheim oder in Ihrem Zimmer auf der Post, T. S. Most. Kreglinger, — er ist iezt tod, — schien fast die Attention für mich zu haben, Fremde, die ich zu besuchen habe, dort einzuquartiren. Aber eine Unart muß ich Ihnen gestehen. Ich lange immer mehr an, lieber morgen zu schreiben, als heute. Ich weiß nicht, ob die Berufsgeschäfte, die großentheils auch in Schreiben bestehen und die den Jahren folgende Bequemlichkeit es verzeihlich machen. Aber nirgends habe ich es mehr zu entschuldigen, als bei Ihnen, wiewohl ich habe auch sichere Vermuthungsgründe, daß Sie wenigstens Einen Brief von mir doch nicht erhalten haben.

Sie schreiben mir so viel liebes, zwar auch etwas bedauerliches, von Ihrer werthen Familie. Grüßen Sie aus meinem Herzen den theuern Gatten, der nun, wie ich hoffe, von seinem abermaligen Unfall ohne Nachtheil wird genesen seyn. Was ich Ihnen schreibe, schreibe ich ihm. Unsere Sappho grüße ich selber.

Saluto, blandissima Sappho te et fratellum tuum Axelium. Amo vos quod boni estis et parentibus obedientes. Audio, vos latinae linguae cupidisimme studere, quae facile est omnium linguarum pulcherrima et ad informandos animos efficacissima. Utinam vel unum verbulum latinum coram tecum colloqui possem, saltem ut te viderem et inter oscula mea tibi demonstrare possem, quantum sit mihi tua salus cordi. Deus te conservet et ornet. Deum ames! Vale carissima am .. .*)

Ich möchte ein Stündlein bei Ihnen seyn, theuerste Freundinn, aber ein langes, ein recht langes, etwa im Verhältniß, wie die Tage sind, die man Landtage nennt. Aber auch das kürzeste, in dem ich Zeuge Ihrer häuslichen und mütterlichen Freuden seyn könnte, die Ihnen der Himmel erhalten und erhöhen wolle, wäre mir schöner als der längste Landtag. Wie es um midi stand bis 1818 wissen Sie. Seit 1819 bin ich Prälat, Mitglied der ersten Kammer und trage das Comandeur Kreuz des Zähringer Löwen Ordens. Ich möchte Sie sehen in dem Augenblick, wo Sie dieses lesen. Denn Sie wissen es noch nicht, und dis ist mir ein Beweis, daß Sie einen Brief von 1819 nie erhalten haben, worinn ich es Ihnen schrieb, weil Sie so freundschaftlichen Antheil an mir nehmen.

Aber was ich Sie nun angelegen bitte, — wenn Sie mir gut sind, verrathen Sie es der Literaturzeitung nicht. Es wäre ohnehin zu spät, und die Leser brauchen nicht zu merken, daß es um die Correspondenz flau steht. Ich gebe Ihnen dafür ein par andere Artikel. Ladome ist verheurathet mit einer rührigen Schweizerin und Hofrath Bougine ist wieder hier und kränkelt. Beide grüßen Sie mit Verehrung und Liebe. Der Adiunkt ist noch in Rom und ist wie ich höre Geschäftsträger der protestantischen Höfe bei dem
H.[eiligen] Vater. Schmidtbauer den wir in Dachsland[en] mit einem Abendbesuch erfreuten, lebt hier in Pensionszustand. — Ist nicht das Leben ein ewiges Kalleidoscop, alle Tage anderst? Aber stille! Ich bin iezt auf dem Punkt ein neues Register zu ziehen, und Sie erfahren zu lassen, wie entsetzlich hypochondrisch ich bin. Auch habe ich Ihnen genug zum Lesen zugemuthet. Lesen Sie das lezte noch gerne, daß meine Verehrung und Freundschaft unveränderlich bleibt. 

J. P. Hbl.             

CR. d. 28. April [18]22.

 

 

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*) Die folgenden Buchstaben sind so undeutlich und verkleckst,
daß eine sichere Entzifferung nicht mehr möglich ist.

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