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AN HENRIETTE HENDEL-SCHÜTZ

   

O liebe Freundinn, wie meinen Sie es so gut mit mir, und Kayser Franz so böse! Also hab ich mich für dismal vergeblich gefreut und gesehnt, und wer nach mir mehr als Bougine, der wieder bei uns ist, und wer nach ihm mehr, als alle. Aber Sie treiben es wie die Sonne, die bis auf einen Punkt nahe kommt, und dann auf einmal wieder umkehrt. Sie zwar mehr nach Norden, iene nach Süden, damit keine Hemisphäre leer ausgeht. Zur Begleitung auf Ihre Reise, eine Strecke weit, so weit er Ihnen nicht lästig ist, schicke ich Ihnen gleichwohl den neuen H'freund, der zwar unartiger Weise der Schwiegermutter des A.[djunkts] dismal nicht erwähnt, ob ich gleich, selbst von Personen, die sie nicht kennen, gar oft gefragt werde: Wo ist die Schw. M.? Wie geht es der Schw. M.? und so stolz bin, wenn ich etwas zu antworten habe, was man nicht wissen könnte, wenn es keine Briefe gäbe. Auch, lege ich zur Anerkennung einer alten Schuld etwas darein, woran Sie wenigstens eine große lithographische Seltenheit besitzen, weil nur 12 Abdrucke gelungen sind. Denken Sie das artistische Wunder. Es kam auf einmal eine Visitenkarte zum Vorschein, die sich mitten auf die Stirne des armen H[aus]fr[eunds] sezte, weil sich in den Stein, so glatt er abgeschliffen war, das Fett von seiner frühern Weihung eingesogen hatte. Es muß ein Character indele-bilis seyn, wie die katholische Priesterweihe.

Herr v. Ende hat die Intendanz aufgegeben. Man glaubt ein Herr von Odeleben suche sie. So wenig er bei dem besten Willen und Zutrauen zu sich dieser difficilen Stelle dürfte gewachsen seyn, so sehr wünsche ich sie ihm, weil Sie als dann schon zum Voraus eingeladen wären. Tausend Grüße von Bougine, Ladome, Ewalds, und allen, die es wissen, daß ich an Sie schreibe, selbst von dem Adiunkt, der es nicht weiß, aus seiner Seele heraus. Wir hatten die lezte Spur von ihm in Weißenfels. Wie mag es dem armen Schelm in Dresden ergangen seyn bei seinem frölichen Appetit und nicht eben so frölichen Heldenmuth!

Ihren Herrn Gemahl, den ich ergebenst grüße, bitte ich sehr, es mich nicht entgelten zu lassen, daß ich dismal seinen Brief Ihnen beantworte, und mich bisweilen erfahren zu lassen, wo Sie sind, wie es Ihnen beiden ergeht, und ob wir bald Sonnenwende haben. Sie bitte ich um einen einzigen Federstrich dazu, ein Ringlein oder ein Sternlein, oder ein H. Der ersehnte Frieden bringe Sie bald unter seinen lieblichen Geschenken zurück, wenigstens zur Einweihung des neuen Museums, das die Gesellschaft, der Post (Sappermost) gegen über, für 75.000 fl. baut, und dem der Zimmermann schon den Straus aufgesezt hat, zum Beweis, daß wir den Krieg nicht so fürchten, wie Jemand. Sie „aßen, sie tranken, sie freieten (nur ich nicht) und ließen sich freien, biß Noah in die Arche einging".

Und nun leben Sie wohl, liebe theure Freunde!

Herzlich Ihr ergebenster Freund        Hebel      

30. Oktob. [1813]

 

 

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lithographische Seltenheit: vermutlich eine Lithographie
des Stuttgarter Graphikers Joh. Fr. Müller, von der
kein Stück erhalten ist.
Einweihung des neuen Museums: am 9. Dezember 1813.
den Krieg nicht so fürchten wie Jemand: Das Ehepaar
Schütz war auf einer Gastspielreise bis nach
Frankfurt am Main gelangt, wandte sich aber
dann entgegen Hebels Erwartung nicht nach
Karlsruhe, sondern „aus Furcht vor dem Kriege"
nach Norden, später nach Breslau.

 

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