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AN HENRIETTE HENDEL-SCHÜTZ

   

Karlsruhe, 1.Mai 1812     

Ich schreibe Ihnen, glaub ich auch an Ihrem Geburtstag liebe verehrte Freundinn, wie Sie mir. Ich meine, Sie können nur am 1 ten Mai geboren seyn. Aber doch habe ich nicht deswegen gezögert, Ihren lieben lieben Brief, mit dem Sie mir eine so große und reiche Freude bereitet haben zu beantworten. Ob ich meine eigene H[an]d-schrift noch erkannt habe, als ich die Ihrige erblickte? Nein gewiß nicht, bis Sie mich selber darauf aufmerksam machten und mich an einen schönen Augenblick, einen von so vielen, vielen erinnerten, m welchem Sie mich selbst durch einen Vorwurf stolz und Ihnen innigst verbindlich machten. O, daß das, was der Wunsch und die Freude des ganzen Publikums wäre, nun auch der Wille und das Wort eines Einzigen würde, daß Sie mit Ihrem theuren Gemahl wieder zu uns kämen und bey uns blieben, und unser würden, und mir erlaubten, wie Sie so schön sagen, mit Ihnen eine Familie zu seyn, wenigstens Ihr recht inniger und treuer Hausfreund. Noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, ob ich gleich eigentlich noch keine habe. Ich will Ihnen die Lage der Dinge hier offen darstellen. Der G.[roß] H.[erzog] scheint keine besondere eigene Liebe für das Theater zu haben, es scheint ihm gut genug, wenigstens für uns, zu seyn, wie es ist. Deswegen bleibt es auch, wie es ist. Sie, ein köstliches Kind der Natur und Vertraute der Grazien, hat wenigstens für das Deutsche Th.[eater] kein Interesse. Der Hof findet bei der eigenen Entreprise des Th. seine Rechnung nicht, verstehts auch nicht so gut, wie W. Vogel, kann auch nicht. Der neue Intendant H. v. Ende, ein eifriger Mann für die Sache, hat Männer an der Hand und am Ohr, die nicht von uns und vielleicht nicht für uns sind. Iezt hab ich noch einen warmen Freund für die Kunst H. v. Berckheim, einen alten guten Bekannten und präsumtiven Minister der auswärt. Angelegenheiten, denn Sie sind ia iezt eine liebe auswärtige Angelegenheit, auf dem Korn. Doch gegenwärtig ist der Hof, alles und alles in Mannheim, und ich warte auf dessen Zurückkunft. Von dem Innhalt Ihres Briefes weiß niemand als Kölle, der ia schon früher davon weiß. In wenig Tagen geht er als Gesandschaftssekretär nach Dresden. Der Glückliche hat vielleicht noch früher Hoffnung, Sie wieder zu sehen, als ich. Ich verliere ihn sehr ungern, auch darum, weil ich dann einen weniger habe, mit dem ich an Sie denken kann. Die fröhlichsten Stunden hat doch er mit uns getheilt, zum Theil auch uns verschaft. — Sie schrieben mir kein Wörtlein vom Schatzkästlein. Sie haben es doch erhalten? Ich hab es vorigen Sommer noch unter der alten Addresse nach H.[alle] geschickt. Ein Hausfreund von 1812, worinn der Adiunkt auf einem Stuhl im Wirthshaus zu Mühlburg perorirend zu sehen ist, ligt für Sie parat, und ich hoffe bald eine Gelegenheit zu finden, gerade wann das Thor zu geht. Meine besten Grüße und Hochschätzung Ihrem l.[ieben] Gatten. Viele Grüße vom Adiunkt, von Ladome, und — ich nehme es auf mich — von halb Carlsruhe. Sie sind uns so gut, und alles ist es Ihnen. Leben Sie wohl, schätzbarste Freundinn und bleiben Sie mir gewogen. Gott weiß, wann ich Ihnen wieder schreiben kann. Aber ich hoffe bald.

Herzlich Ihr treuer Fr.                                                                         Hebel

 

 

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Friedrich Karl Schütz war durch Napoleon seiner Professur
an der Universität Halle enthoben worden und versuchte
sich nun in gemeinsamen Gastspielen mit seiner Frau
als Schauspieler. Das Ehepaar hat sich in den folgenden
Jahren wiederholt vergeblich bemüht, ein Engagement
am Karlsruher Hoftheater zu bekommen.
der Adiunkt auf einem Stuhl: bezieht sich auf den
Kalenderbeitrag „Des Adjttnkts Standrede über das
neue Maß und Gewicht."
perorirend: laut sprechend.

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