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AN HENRIETTE HENDEL-SCHÜTZ

   

Liebe, verehrte Freundinn!

Lange hätt ich es ohnehin nimmer ausgehalten, ohne an Sie zu schreiben. Seit Sie uns verlassen haben, ist mir halb Carlsruhe ausgestorben. Unwillkührlich richteten sich anfänglich alle meine Gänge nach der Post. T.S.M. — — Wenn ich klug wäre, müßte ich die Post meiden, wenn Sie wieder kommen, aber ich will lieber thöricht seyn, kommen Sie nur bald wieder.

Ihrem Auftrage leiste ich Genüge, nicht, wie ich gern möchte, sondern wie ich kann. Fürs erste möchte ich nicht zu dem Entwurf rathen, den Sie mir zugeschickt haben. Ich lege Ihnen zur Prüfung einen andern vor. Auf alle Fälle bitte ich Sie alles Anzügliche, alles Feindselige, alles was dem Ton des H. B. v. W. sich von ferne nähert, zu verhüten, z. B. Paroxysmus, Flügel spreitzen etc. und sich ruhig, ernst und gleichsam in rechtlicher Form vor dem Publikum auszusprechen. Wortwechsel in Zeitungen und Journalen stehn leider in Paralelle mit denen auf der Gasse und nehmen gewöhnlich das nemliche Ende. Eine Frau, und eine Frau von Ihrem Werth und Ansehen, darf sich nicht aussetzen. Aber das Schlimmste, wenn es durch meine Hand gehen soll, ich stand mit dem Herausgeber des Freymüthigen in meinem Leben nur einmal in einer Berührung, die schlimmer ist, als gar keine. Ich wich einer literarischen Anwerbung, die er an mich ergehen ließ, aus. Mein Name wird also, wenn Sie zu dem Ihrigen noch einen zu bedürfen glauben, nicht viel zur Förderung der Sache beytragen. Doch lege ich Ihnen ein Schreiben an ihn bey. Trauen Sie ihm etwas zu, so versigeln Sie es mit dem Calender Ring und lassen es von einer Hand, der meinigen nicht unähnlich überschreiben. Aber sollten Sie es nicht an iemand einschließen, der die Insertionsgebühren zugleich entrichtet? Wird sich der Gegenstand überhaupt, zumal als Fortsetzung einer anderswo begonnenen Fehde in d. Freymüthigen eignen? Ich möchte eher eine Literaturzeitung, namentlich die Hallische vorschlagen, wenn nicht bereits ein anderes Lesepublikum von der Sache Notiz hätte. Doch würde der rheinische Correspondent schwerlich wenigstens die Anzeige verweigern, daß Ihre weitere Erklärung gegen B. v. W. da und da zu lesen sey. Sie scheinen in der Wahl des Gerichtshofes, an den Sie Ihn weisen wollen, unschlüssig zu seyn. Wählen Sie ia sicher und mit iuristen Berathung. Wenn er abgewiesen würde, so hätten Sie ihm einen großen Vortheil gegen sich in die Hände gespielt. So viel hievon.

Das Eichhörnlein hat vortrefflichen Appetit, aber unter uns gesagt, nicht viel Genie. Ich wende alles an, mich ihm verständlich zu machen, aber vergebens. Trotz alles Unterrichts wird es bey seinem Geschlecht es nie soweit bringen, als seine Gebieterinn, iezt Schutzheilige bey dem ihrigen. Aber sehen sollten Sie, wie das Götterkind, das sonst nur Ambrosia und Nektar nippte, sich in einen Spartaner umgefressen hat, der neben Castanien und Eicheln das köstlichste ligen laßt, trotz einem seiner Brüder im Wald.

quem nee Deus mensâ, nee Dea dignata cubili est.

Kölle und ich, um in der Rheie (so!) Ihrer Attachirten fortzufahren, leben iezt wie 2 Religionssekten, die die nemliche Begebenheit an 2 verschiedenen Tagen feiern, sehr intolerant neben einander. Denn wenn ich sage: Heut sind es so viel Tage, so sagt er: Für mich einen weniger, und Ladome, der am Tag Ihrer Abreise wieder kam, bildet die dritte Parthie des seligmachenden Kirchleins oder repräsentirt vielmehr die Heiden im Vorhof.

Herrn Vogel ist auf d. 1sten Nov. 1810 aufgekündigt. Herr Kölle, ich und das Publikum haben schon eine Directrice gewählt.

Herr und Madame Eslär deklamirten im Museum, er vortrefflich, sie viel besser als ich. In der Braut v. Messina exequireten die Grenadiere von der Hauptwache in griechischem Costüme! den Chorus ungemein, wahre Ableiter des Schmerzes und der Thränen. Die nachgegebene Illumination, die nicht nur den Cirkel, sondern auch den Nebel erleuchtete, haben Sie nun verscherzt. An meiner Beschreibung dazu war ein Druckfehler, der die Säulen des Napoleon mit der troianischen in Rom verglich, das interessanteste. Daß doch immer die Setzer die witzigsten sind!

Becker mahlt fleißig. Ich will damit an etwas erinnert haben, an etwas Schönes. Aber wie viel Zutrauen zu Ihrer Gedult und zu Ihrer Güte gegen mich verrathe ich durch mein langes Geplauder. Grüßen Sie von mir Ihre liebe Begleiterinn Louischen, die sich in dem fremden und volkreichen Frankfurt sehr heroisch umthun wird, und erscheinen Sie bald mit einem recht freundlichen Gesicht

Ihrem ergebensten Fr[eund]

Hebelius      

Cruhe d. 8ten Nov. [180]9.

nb. Ich benehme mich nicht in allen Gesellschaften so einfältig wie in der Ihrigen. Es kommt von der heiligen Scheue her.

 

 

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T.S.M.: Abkürzung von „Tausigsappermost", einer
Beteuerungsformel. Siebe das Gedicht „Der
Schwarzwälder im Breisgau" mit dem Beginn:
,,Z' Müllen an der Post, Tausigsappermost."
- Henriette Hendel logierte demnach im Gasthaus „Post".
H. B. v. W.: Dem Stuttgarter Hoftheaterintendanten
Baron von Wächter und dem Theaterschriftsteller
Freiherrn von Tbumb-Neuburg hatte Henriette Hendel
das Manuskript des Schauspiels „Kunegunde" gezeigt.
Thumb hatte darauf eine Vorausbesprechung veröffentlicht,
die dem Stück nur geringe Chancen einräumte. Henriette
Hendel hatte dies in der Rheinischen Correspondenz als
Indiskretion beanstandet, Wächter und Thumb hatten
im gleichen Blatt scharf reagiert.
quem nee deus . . .:
nicht ganz korrekt nach dem
Schlußvers von Virgils 4. Ecloge: nee deus hunc mensa
dea nee dignata cubili est. (Kein Gott würdigt ihn des
Tischs, keine Göttin des Lagers.)

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