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AN KAROLINE GÜNTTERT

   

[Ende Mai 1826]       

Ich weiß gar wohl, geliebteste Freundinn, daß alle Briefe, welche ich von der Hand unserer guten J[ungfer] G[ustave] empfange, auch die Ihrigen sind und daß ich in iedem auch eine neue Bürgschaft Ihres freundschaftlichen Wohlwollens erhalte. Nichtsdestoweniger that es mir wohl oder hätte es mir wohl gethan in dem iüngst erhaltenen Schreiben Ihre Hand zu erblicken, wenn nur nicht das abermalige traurige Uebelbefinden Ihrer guten Schwester die Veranlassung dazu gegeben hätte. Wie sehr bedauere ich Sie, theure Leidende. Ich weiß nicht, wie zart ich nach Ihrem Ausdruck das letzte Mal von meinem eigenen Befinden an Sie geschrieben habe, aber das weiß ich, daß ich nichts verschwiegen oder gemindert habe. Nein, ich befinde mich seit einiger Zeit ziemlich gut, so gut im 67sten, daß ich Ihnen wohl noch etwas von Ihren Leiden abnehmen könnte, wenn es nur möglich wäre. Gehen Sie in kein Bad? Ich weiß nicht, was ich dazu sagen sollte. Ich kam gestern aus zwei Bädern zurück, von Baden und Bühlerthal, aber es hat mich an beiden Orten nicht gelüstet.

Ich bin sehr bereit, beste Frau Pfarrerinn, wie Sie ia wohl wissen, Aufträge von Ihnen zu empfangen, und bin es auch im gegenwärtigen Fall, nur auf eine andere Art, wenn Sie es gut heißen. Ich bin mit E[berhard] fast aus aller Connexion gekommen. Er selbst schreibt mir, wenn ihn etwas dazu treibt, in einem etwas fremden fernhaltenden Ton und ich gestehe, daß ich ihm bisher auch so antwortete. Da möchte er es nun Ihnen und mir übel deuten, und eher das Gegenteil thun, wenn in einer Familiensache Sie, die Schwester, durch einen Dritten wie ich, Ihre Willensmeinung und Wünsche an ihn gelangen ließen. Ich dachte daher, ob es nicht besser wäre, daß ich den Auftrag weiter an Fecht in Cork gäbe, der ihm als Verwandter und Vertäuter näher steht und mündlich den Gegenstand gar viel leichter wie von ungefähr zur Sprache bringen kann, wenn Sie mir Ihre Einwilligung dazu geben wollen, das heißt, wenn Sie nicht besorgen, daß ers ebenfalls übel aufnehmen möchte, wenn Sie nicht selbst an ihn schreiben. Ihren Vorschlag wegen Freiburg billige ich vollkommen. Ich habe iezt seit Himmelfahrt auch ein Büblein (von 9 Jahren) bei mir, den Sohn von Haufe in Straßburg. Ich denke iezt wohl daran, daß ich auch Ihren Neffen hätte nehmen können, allein ich hatte es seiner Mutter schon vor 2 Jahren versprochen und ich gestehe, daß ich mich gefürchtet hätte, an einem ältern die Probe meiner Erziehungskunst abzulegen, zumal wenn er schon so verwöhnt wäre wie iene Söhne wohl sein mögen.

Ich weiß zwar nicht, wie bald ich wieder in das Oberland kommen werde, doch wird mich Gott auch wieder hinaufführen — wie gern möchte ich hinzusetzen, für immer. Ihr Gedanke an eine Zusammenkunft an einem dritten Ort hat mich sehr gerührt. Aber es ist wahr, es ist mit viel Unbequemlichkeit verbunden und man ist an einem fremden Ort doch nicht recht bei einander. Aber ich will mich hierüber ganz Ihren Wünschen ergeben. Daß unser seliger Günttert noch oft mit Dank und Rührung genannt wird, glaube ich Ihnen wohl. Solche Seelsorger und Seelenfreunde können nicht vergessen und nicht ohne Dank und Liebe genannt werden. Auch zwischen mir und meinen Freunden die ihn kannten, lebt er in oft wiederkehrenden Erinnerungen — die Liebe hört nimmer auf, wie die h. Schrift sagt, und der Schmerz der Trennung und die Sehnsucht nach dem Vermißten ist ia nur ein anderer Ausdruck einer und derselben Liebe, sowie die Hoffnung des Wiederfindens die das Traurige daran versüßt.

Ich schließe, weil das Papir zu Ende geht, mit allen Gesinnungen der redlichen Freundschaft. Gott erhalte und mache Sie gesund.

Ganz der Ihrige                                                                              Hbl.


 

Halten Sie es nicht für gut, nur ein par Zeilen zur Begrüßung an Fecht in C[ork] zu schreiben und ihm anzuzeigen, daß ich weiter an ihn schreiben werde. Ich warte nur auf die Mittheilung Ihrer Wünsche.

E[berhard] hat eine Zulage von 50 fl. erhalten. Er verlangte 100. Aber unsere eigene Noth und die allgemeine erlaubten nicht mehr.

 

 

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