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AN TOBIAS GÜNTTERT

   

[Ende Oktober 1813]       

Liebe Frau Vögtinn, I. G., und Herr Vogt!

An euch komts zulezt Herr Vogt, weil ihr euere Würde im Titel habt, wiewohl, wenn der Vogt mit Recht das Haupt der Gemeine ist, so könnte man wohl sagen: „des Körpers schönstem Theil gebühret". Liebwerther Hr. Vogt, ich gedenke iez aller euerer poetischen Kern und Saftsprüchlein. Sie gaukeln wie Frühlingsschmetterlinge um mich herum. Aber selbiges auf der Straße nach Arlesheim hätt ihr mir nicht sollen zu Leid thun. Heute ist die erste Präsentation und Aufwartung bei Sr. Excellenz dem Notteli. Zu Reisners Zeiten hat er nicht gedacht, daß ich ihm noch diese Ehre anthun würde. Drum muß man die Leute nicht verachten.

In meinen Beinen ist es seit einem Jahr nie so gut gewesen wie seit 2 Tagen. Ich spüre fast nichts, hab doch nichts gebraucht sondern bin gesund für nichts und wieder nichts. Wenns bleibt, so ist doch noch das Bad daran schuld aber es wird eben nicht so bleiben.

Der unglückliche Kaiser N[apoleon] hat am 25sten abermals ein unglückliches Treffen bei Erfurt gelifert. Blücher war ihm mit unglaublicher Geschwindigkeit zuvorgekommen. Man macht hier noch ein Geheimniß daraus. Viel Canonen giengen abermal verlohren.
Er schien auf dem Weg nach Frankfurt zu seyn, wird aber iez eine andere Richtung nehmen müssen. Daß die Feinde schon in Cassel seyen, will ich nicht nachsagen. Man lügt so viel hinzu, zu dem was ohnehin schon genug ist.

Nachmittag.

Es sind 100 und ungerade Canonen genommen worden. Aber die Canonen sind grad. Die Armee marschirt in Unordnung, die Cavalerie macht sich mit dem Säbel Platz, das Hauptquartier sey in Langensalza. Wrede soll nun gewiß in Frankfurt seyn.

S. Excellenz der G. R. v. B[erckheim] war sehr gütig. Hat er mir nicht zweimal die Hand gegeben, sonst keinem. Fragte mich der Herr KR. Volz, woher ich ihn so gut kennte, gab ich ihm zur Antwort vornehm und groß: „Er ist mein Staabspflichtiger". Aber Ihr freuet euch doch auch Hr. Vogt, daß dieser Junker, unter unseren Augen und Händen aufgewachsen, iezt dem geistlichen Departement präsidirt. Selbiger Saum Wein hat schöne silberne Löffel geben. Aber der Fr. Vögtinn sind selbe Löffel theuer worden. Sie hat manches schon dafür kochen müssen. Es gibt kein fressenderes Capital als was man in Löffel steckt. Nichts für ungut, Frau Vögtinn, daß ich euch so manchmal geärgert hab. Hab ich doch auch hinwiederum manches Wäschseil helfen auf und abziehn, Bendel an den Bettziechen bögelin, Bohnen butzen, Krautstiel stehen lassen, Holz sägen zum Caffeli, Michel machen, Ihre Gottenkinder taufen, z. B. die Justine und zwar mit einem Stern auf der Brust, Striketen heimtragen vom Zimmerplatz und noch viel. Der Herr Stephan läßt Sie alle grüßen. Der Postillion sitzt auf. Assa Herr Vogt! Tausend gute Ding.

Herzl. Ihr Fr.      H.              

 

 

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