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AN TOBIAS GÜNTTERT

   

4. Jul. [1811]        

Herr Vogt Wohlgebohren!

Die Zeitung wird euch nicht rühmen, wie das Trauerfest in der catholischen Kirche hier gehalten worden. Also will ich euch etwas davon schreiben. Der Minister sagte zum Stadtpfarrer: der Großherz. wird in die Kirche eingeladen, also nehrnt euch in Acht und schwazt nicht dummes Zeug! Der Pfarrer sagte: Wofür seht Ihr mich an? Komm ich erst heut auf die Welt? Der M. sagte: Nein, ihr seid schon ein alter Esel! Ich meine nur so. Drauf ladet der M. den G. H. ein. Der G. H. sagte: ich will dem Pfarrer nicht im Weg seyn. Wer weiß, er hat euch etwas zu sagen, was ich nicht zu wissen brauche. Der M. sagte: Gnädigster Herr, thut uns solchen Schimpf nicht an, daß ihr wegbleibet, und glaubet ia nicht, daß der Pf. etwas sagen oder daß wir etwas denken können, was Ihr nicht hören dürft. Ich steh euch für alles. Also kam der G. H., der ganze Hof, die Minister, die Staatsräthe, die lutherische Geistlichkeit etc. Drauf fieng der Plarrer also an: „Durchlauchtigster Großherzog, g.[ehrte] F.[rauen] und H.[erren] Es ist zwar nicht Sitte ein Meßopfer für einen Verstorbenen zu halten, wenn er nicht catholisch gestorben ist. Aber wir wissen wohl, daß der höchstselige Herr heimlich catholisch war, sonst war er kein so guter Herr gewesen! Darnach macht ers immer ärger und ärger bis ans End, daß dem M. Hören und Sehen vergieng. Die Protestanten blieben ganz ruhig. Aber die Catholischen waren zu einer völligen Empörung gegen den Pfaffen gefaßt und wenn der G. H. fortgegangen wäre wie man hoffte und erwartete, er wäre von der Canzel herabgeworfen worden. Gleich nach der Predigt wurde er vor das Gen. Direktorium citirt. Er konnte gar nicht begreifen, was man will, und worinn er soll gefehlt haben. Die Gemeinde schickte eine Deputation an den G. H. bat ihn um Verzeihung und um einen andern Pfarrer. Die ganze Stadt war in einer Art von Aufruhr. Catholiken, Protestanten und Juden schimpften gemeinschaftlich über den Scandal. Keiner scheute sich vor dem andern. Nachts mußte man das Pfarrhaus durch Policeianstalten sichern. Der Großh. sagte: Ich mach mir nichts draus, was er gesagt hat. Die Catholischen sagten: Aber wir machen uns draus. Der Pfaff muß fort. Den andern Tag wurde er abgesezt. Den dritten Tag, also am Mitwoch, mußte er Haus und Stadt räumen, und steht iez bis auf weiteres in Rastadt unter Aufsicht der dortigen geistlichen und weltlichen Obrigkeit.

Er hat ganz fort wollen. Aber, Nein hat man gesagt, Du darfst nicht fort.

Herr Vogt, dieser Pfarrer ist sonst ein gar gelehrter Herr, der das ganze Bibelbuch aus dem Grundtext ins Deutsche übersezt hat, und ist vorher Professor in Freyburg gewesen. Kein Mensch hätt sich träumen lassen, daß er so einfältig seyn könnte. Der Minister soll gesagt haben, tausend Gulden gab er. Der Staatsrath Hofer sagte, er wollt lieber ein Kind verlohren haben. Vielleicht hat er noch ein paar vorräthige in Wien, wo er iung war.

Von eurer Holzgeschichte kann ich noch nichts sagen. Was ich vom Herr[n] Eberhard geschrieben habe, hättet ihr nicht nöthig gehabt, seiner Frau Mutter zu sagen. Man sagt eben hier, er sey viel in den Wirtshäusern. Da denkt man an die alten Zeiten. Bey einem andern nahm mans nicht so auf. Meidet allen bösen Schein. Wills Gott bekommt er bald eine Stelle. An meinem Schurken solls nicht fehlen. Assa Herr Vogt. Reitet alsg'mach. Euer treuergebener

Stabhalter.              


Meine besten Grüße an alle.

 

 

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