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AN KARL GEORG DÜMGÈ

   

Theuerster Freund!                                                  [Mitte—Ende April 1810]

Ich höre, daß man mich in Heidelberg für den Verfasser des Olisbus halte. Es könnte
mir schmeicheln, daß man mir die vertraute Bekanntschaft mit den Alten zutraut, die der wahre Verfasser besitzt und in diesem Programme verwerthet. Aber ich verzichte darauf aus Gerechtigkeit gegen ihn und gegen mich. Das Motto würde mich gegen Vorwürfe nicht schützen. Ihn schützt die Anonymität, und wenn er verrathen wird, bey denen, die ihn kennen, sein Charakter, in dem man schon lang gewohnt ist die gediegeste und achtungswertheste Moralität mit der höchsten luxuria ingenii vereint zu sehen. Uberdieß ist er, wohl bewährt in allen häuslichen Tugenden, Gatte und Familienvater, ich nicht, er weltlichen Standes in einem bedeutenden Posten, ich geistlichen Standes und —, denken Sie, nur Aufseher eines Instituts von 250 Kindern und Jünglingen. Duo cum faciunt idem non est idem. Sed unus fecit, nee ego. Der V.[erfasser] schickte mir 12 Exempl. mit der Betheuerung, ihn nicht zu nennen. Ich wußte nicht, ob der bestimmte Auftrag, 1 Exempl. an Sie, 1 an Hr. H.[ofrat] Creutzer, 2 an Hn. Staatsrat Klüber abgehen zu lassen, eine stillschweigende Dispensation von dem Verbot in sich einschließe. Ich wollte lieber das sicherste wählen, was Sie gewiß nicht mißbilligen, und sezte voraus, er würde, wenn er von diesen Herrn als Übersender gekannt seyn wollte, als Freund oder guter Bekannter selber an Sie geschrieben haben, und so ließ ich die Exemplare unter bloßem Umschlag abgehn. Dis ist mein einziger Antheil an der gantzen Sache. Ich bitte Sie daher, bester Freund, nicht nur selber diese Erklärung als gut und gültig von mir anzunehmen, sondern auch bey andern, die mich etwa für den V.[erfasser] ansehen möchten, sie für mich geltend zu machen, namentlich, wenn Sie es für nöthig halten und Gelegenheit dazu haben, bey Hrn. Kl.[über] und Creutzer. Sie erweisen mir damit eine sehr große Freundschaft.

Noch bezeuge ich Ihnen meinen hertzlichen Dank für Ihr liebes und sehr interessantes Geschenk, das mir durch Hrn. Büchler eingehändigt worden. Sie haben von diesem Werk eine gantz andere Ehre als ich vom Olisbus erndten könnte. Mit lebhaftem Verlangen sehen wir alle der baldigen Fortsetzung desselben entgegen.

Hertzlich Ihr Freund        Hebel                

 

 

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