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AN KARL GEORG DÜMGÈ

   

Warum muß ich denn den lezten Tag des Jahres abwarten, um Ihnen, mein Bester, endlich einmal zu schreiben, so wie ich ein par unnütze Visiten erspart habe, die heute auch noch müssen abgethan werden? Ey nun, es ist wenigstens immer gut und, wie Sie mir zugestehn werden, löblich, wenigstens am letzten Tag des Jahres an seine Schulden zu denken und reine Rechnung zu machen. Und so halte ich es gerne, und zwar mit den Briefen an gute Freunde, und folglich auch an Sie, um das Jahr mit einer angenehmen Beschäftigung zu schließen und im neuen mit einem guten Gewissen aufzuwachen, mit den unnützen Visiten aber, um nichts unangenehmes aus dem Alten ins Neue hinüber zu schleppen, da genug von selber nachlauft, und iedes Jahr, so wie ieder Tag seine eigene oder vielmehr seine 365 eigenen Plagen und dismal gar noch eine Schaltplage dazu hat, weil der Divisor 4 in dem Dividendus 1804 ohne Rest aufgeht, nach Adam Riesens Rechenbuch.

Sie aber, mein Lieber, sollen sich mit einem frohen Sprung aus dem Alten Jahr in das Neue hinüber setzen, oder wenn Sie meinen Gout haben, in einem hübschen Traum hinüberschlummern und in einer lieblichen Morgenröthe erwachen.

Die Papire die ich von Ihnen in Händen hatte, haben Sie also erhalten. Die Variationen von Schlegel haben mir lieblich angeklungen, und so sage ich bedächtig. Es war mir, als ichs las, wie wenn ich einen Gesang aus der Zeit meiner zartesten Kindheit zum ersten mal wieder hörte, und ich muß wirklich einst in frühen Jahren etwas ähnliches gehört haben, wovon eine dunkle Erinnerung mit ihren angenehmen Gefühlen wieder in die Seele zuckte. Aber ein Klingklang von hin und her schwebenden Phrasen und Reimen ist es, und die einzelnen Anschläge zerfließen darin, wie bey iedem guten Glockengeläut in ein harmonisches Zusammentönen.

Ich suche iezt der Welt, die sich aber auf unsere Tischgesellschaft einschränkt, durch Charaden nützlich zu werden, und was kann man auch besseres thun in dieser Jahreszeit, wo einem der Himmel in iede gute Stunde regnet, und eine Nacht über den schmalen Tag hinüber der anderen die Hand reicht? Damit Sie den Charakter derselben kennen lernen, so will ich Ihnen hier eine zum Besten geben:

Das Ding von dem die erste Sylbe spricht
Freund, wem mans macht, der sieht es nicht. —
Die zweite schneidet euch nach Ehlen odr Stab,
nachdem ihr lange her und hin geboten,
der Kaufmann in dem Laden ab.
Das Ganze hat der Färber schwarz gesotten.
Es birgt — was meint ihr? Etwa Sarg und Bahre?
Gott bewahre!

Unterdessen hat Chronos den Zeiger der großen Uhr von 3 auf 4 gerückt, und es ist also die Schuld des Thurn und Taxischen Gedankenspediteurs nicht, daß Sie den Brief um 2 Tage zu spät bekommen. Leben Sie wohl mein Bester.

Von Herzen Ihr redl Fr.    Hebel        

d. 31. Dec. 1803

 

 

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Variationen von Schlegel: Friedrich Schlegels „Liebe
denkt in süßen Tönen", erschienen in der von ihm
 herausgegebenen Zeitschrift „Europa" i. Stück 1803.
Charaden: die Auflösung der hier mitgeteilten ist
„Zopfband".

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