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AN KARL GEORG DÜMGÈ

   

Ich bleibe Ihnen die Antwort auf Ihr werthes und interessantes Schreiben lange schuldig, mein Bester! Soll ich Sie mit einer Seite voll nichtiger Entschuldigungen dafür schadlos halten? Dazu sind Sie mir zu lieb, und ich mir selber. Sie haben eine Unart an mir kennen gelernt, nach der ich das, was nicht sogleich geschieht, wenn es soll, leicht auf die lange Bank verschiebe, die leider immer voll ligt, und ich bin es wohl zufrieden, daß Sie mich nicht für musterhafter als ich bin [halten], wenn Sie nur dadurch in Ihrer guten Meinung von mir nicht irre werden und den Glauben nicht verlieren, daß ich für das Wohlwollen und die Freundschaft guter Menschen einen offenen und empfänglichen Sinn habe. — Ihre nähere Bekanntschaft ward mir sehr werth, ich schäze und ehre Ihr offenes Zutrauen zu mir und bedauerte es oft, daß Zeit und Umstände es uns so schwer machten, uns gegenseitig einander mehr mitzutheilen, als es geschehen konnte. Desto mehr Dank bin ich Ihnen für Ihr liebes Schreiben schuldig, das so ganz den gefühlvollen und edlen Mann verbürgt, dessen Freundschaft dem Herzen Gewinn ist. Ich bin oft bey Ihnen, oder richtiger zu sagen, Sie sind oft bey mir und bey uns. Aber denken Sie nicht, daß mir diese Rückerinnerungen genügen, sondern halten Sie Ihr Versprechen, uns bald wieder zu besuchen.

Wie vielen Dank bin ich Ihnen für die lebhafte und launige Charakteristick schuldig, die Sie mir von Hn. Tieck und Schelling mittheilen. Tieck kenne ich wenig, und aus seinen eigenen Schriften, wenn ich mich dessen bey Ihnen nicht zu schämen habe, noch gar nicht. Sie wissen, wie ungleich und widersprechend die öffentlichen Urtheile über den Werth seiner Geistesprodukte — und über die Grundsätze und Regeln sind, nach denen er arbeitet, und ich will freilich glauben, und bin es zum Theil überzeugt, daß diejenigen Musterstücke, die ich in öffentl. Schriften von ihm gelesen habe, nicht in der Absicht gewählt wurden, eine günstige Meinung zu erwecken, und nach dem Ganzen lüstern zu machen, — aber er lobt meine Kinder, — er will sie umkleiden — und noch mehr, Sie schätzen ihn — nun muß er gelesen seyn! Wenn Sie wieder zu uns kommen, so kann ich Ihnen ein par eigene Versuche von Übersetzungen ins Hochdeutsche mittheilen. Ein neues Gedicht mit Übersetzung bringt Jakobi's Taschenbuch. Aber es will nimmer gehn. Ich fürchte, der leichte, begeisternde Anflug sey so unwiderbringlich verweht, als er ungeruffen gekommen ist. Aber halt! Ich fange an, Sie mit dem lieben Ich und dem lieben Mein zu unterhalten. Sehen Sie, wie sehr ich Sie zu meinen Freunden zähle! So etwas passirt mir nur, wenn ich an gute Freunde schreibe, die mich wohl kennen, daß ich kein Thor bin.

Unser Freund Ladomus sitzt, wie wir glauben müssen, noch immer in Burgdorf angenagelt. Er läßt kein Wort von sich hören, und Sander ist fast ein wenig empfindlich darüber. Nun wird er aber wohl bald zurück kommen, da Pestalozzi zu den Göttern gegangen ist. Maklott kündigte nemlich in einem seiner Jüngsten Zeitungsblätter in der summarischen Inhaltsanzeige „Pestalozzi's Tod" an. Zum Glück fand sich aber in dem Texte selber nur die Nachricht, daß sein Gesuch um Unterstützung bey der Tagsatzung zur Sprache gekommen sey, und daß der Lucerner Gesandte nicht viel auf seine Methode halte, weil sie ihm wie der verruff ene Magnetismus vorkomme!! Vermuthlich hat Maklott nach der abzwickenden oberdeutschen Mundart „Method" diktirt, und der Schreibende glaubte zu dieser Apokope der letzten Sylbe sich schon eine Aphäresis der ersten erlauben zu dürfen, da es löblich ist, sich der Kürze zu befleißigen, zumal wenn man zugleich die Nebenabsicht erreichen kann, den Leser auf eine sinnreiche Art zu überraschen.

Ich habe noch die Heidelberger Programme in den Händen, die Sie mir freundschaftlich mittheilten. Verzeihen Sie mir's. Eine gute Gelegenheit, sie Ihnen zuzustellen, habe ich schon übersehen. Bey der zweiten soll es nicht mehr geschehn.

Und nun, leben Sie wohl, mein lieber Dümge! Möge Ihnen zu Theil werden, was ein edles Herz verdient.

Ich bin Ihr redlicher Freund     Hebel        

Cruhe, d. 10 ten Sept. 1803.

 

 

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er lobt meine Kinder: Ludwig Tieck hatte sich über Hebels
 Alemannische Gedichte lobend ausgesprochen und plante
eine Übersetzung ins Hochdeutsche.
eigene Versuche von Übersetzungen: „Der Abendstern",
erschien in dem von J, G. Jacobi herausgegebenen
Taschenbuch „Iris" für 1804. „Das Gewitter", vermutlich
vor der alemannischen Fassung (1806) entstanden.
Pestalozzis Tod: Überschrift in der Karlsruher Zeitung
vom
7. September 1803. Aufklärung des Irrtums
 in Hebels Brief.
Magnetismus: die epochemachende Lehre Franz Anton
Mesmers, der 1803 Frankreich verlassen, sich zunächst
in der Schweiz und dann in Meersburg angesiedelt hatte.
Heidelberger Programme: Vorlesungsverzeichnisse der
Universität Heidelberg.

 

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