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45. Reden Jesu zu seinen
Jüngern. Begebenheiten in Gethsemane.
Es sprach der Herr zu seinen
Jüngern: »Ich bin noch eine kleine Weile bei euch. Liebet euch
untereinander, wie ich euch geliebet habe; daran wird jedermann
erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.«
Petrus fragte ihn, wo er denn hingehe? Der Herr erwiderte ihm: »Wo ich
hingebe, kannst du mir diesmal nicht folgen.« Petrus sprach: »Warum soll
ich dir nicht folgen können? Ich will mein Leben für dich lassen. Wenn
dich alle verlassen, ich verlasse dich nicht.« Jesus sprach zu ihm: »Du
wolltest dein Leben für mich lassen? Wahrlich, ehe der Hahn kräht (das
heißt, ehe der Tag kommt), wirst du mich dreimal verleugnen.«
Auch mit andern Worten ermahnte und tröstete er sie und versprach ihnen
die Sendung und den Beistand des Heiligen Geistes, wann er nicht mehr
bei ihnen sein würde. »Ich will den Vater bitten, und er soll euch einen
andern Tröster geben, daß er bei euch bleibe ewiglich, den Geist der
Wahrheit; derselbige wird euch in alle Wahrheit leiten.« Endlich betete
er auch noch für sie und für alle, die durch ihr Wort noch an ihn
glauben würden, daß wir eins bleiben mögen in ihm und daß uns Gott einst
zu ihm bringen wolle in seine Herrlichkeit, die ihm Gott gegeben hat.
Nach diesen Worten ging er mit ihnen in einen Garten, Gethsemane
genannt. In dem Garten sprach er zu ihnen: »Setzet euch hier! Ich will
dort hingehen und beten.« Doch nahm er mit sich den Petrus, Jakobus und
Johannes. Jetzt fing er an zu trauren und zu zagen. »Meine Seele«,
sprach er, »ist betrübt bis in den Tod. Bleibet hier und wachet mit
mir!« Alsdann ging er noch einige Schritte weiter allein, warf sich in
seiner Seelenangst auf die Erde nieder und betete, daß ihn Gott vor den
schrecklichen Leiden bewahren wolle, die auf ihn warteten. »Mein Vater,«
so betete er, »wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber.
Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.«
Als er zu seinen Jüngern zurückkam, wie wenn er Trost bei ihnen suchen
wollte, schliefen sie. Da sprach er zu ihnen: »Könnt ihr denn nicht eine
Stunde mit mir wachen? Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung
fallet!« Das nämliche tat er zum zweiten und zum dritten Male, wie in
der Betrübnis und Angst zu geschehen pflegt. Bald ist das geängstete
Herz lieber allein und betet. Bald sucht es wieder Trost und Stärkung
bei freundlichen Menschen. Als er aber zum drittenmal wiederkam und die
Jünger schlafend fand, sprach er: »Ach, wollt ihr denn nur schlafen und
ruhen! Siehe, die Stunde ist hier, daß des Menschen Sohn in der Sünder
Hände überantwortet werde. Stehet auf,« sprach er, »laßt uns gehen.
Siehe, mein Verräter ist da.«
Als er aber noch redete, kam in den Garten Judas, der Bösewicht, und
brachte mit sich eine Schar von Gerichtsdienern und Kriegsknechten mit
Fackeln, mit Schwertern und mit Stangen. So ging er zu Jesu hin, grüßte
und küßte ihn: »Gegrüßet seist du, Rabbi!« Dieses Zeichen hatte er mit
seinen Begleitern verabredet: »Welchen ich küssen werde, der ist’s.«
Denn sie kannten Jesum nicht, im Dunkeln gar nicht. Es war ein tiefer
Schmerz für das fromme, heilige Gemüt Jesu, daß das schöne Zeichen der
Freundschaft und der Liebe, Gruß und Kuß, zu einer so schändlichen
Treulosigkeit konnte gemißbraucht werden. »Wozu«, sprach er, »bist du
gekommen? Judas, verratest du des Menschen Sohn mit einem Kuß?« Als aber
die Jünger sahen, was aus der Sache werden wolle — der fromme Jesus
wurde angegriffen und wie ein Verbrecher gefangengenommen —, wollten sie
anfänglich Gewalt gegen Gewalt gebrauchen. Petrus griff sogar einen der
Kriegsknechte mit gezogenem Schwerte an und verwundete ihn. Nur Jesus
blieb ruhig und besonnen in dem bedenklichsten und furchtbarsten
Augenblicke. Wo der gewöhnliche Mensch nicht mehr weiß, was er tut, gibt
Gott Besinnung und Ruhe dem frommen und unschuldigen Herzen. Er sprach
zu Petrus: »Stecke dein Schwert in die Scheide; denn wer das Schwert
gebraucht, kommt durch das Schwert um. Oder soll ich den Kelch nicht
trinken, den mir mein Vater gegeben hat?« Denn er wußte, daß Gott den
Menschen große Wohltaten durch seinen Tod erweisen wollte. Also ließ er
sich willig binden und aus ihrer Mitte hinwegführen. In diesem
Augenblicke verließen ihn alle Jünger und flohen.
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