|
5. Die Sündflut.
Henoch führte ein göttliches Leben. Eines Tages ging er von den Seinigen
hinweg und kam nicht mehr zurück. Weil er ein göttliches Leben führte,
nahm ihn Gott zu sich.
Noah lebte schon in einer bösen Zeit. Die Menschen hatten des Herrn,
ihres Gottes, vergessen, obgleich sie täglich Wohltaten aus seiner Hand
empfingen. Sie lebten nicht nach seinem heiligen Willen und Gebot,
sondern nach den unheiligen Gelüsten ihres Herzens. Nur Noah und sein
Weib waren noch fromm, wie Seth einst gewesen war, und bewahrten ihre
Kinder, als rechtschaffenen Eltern zusteht, vor den bösen Beispielen und
dem Verderbnis der Zeiten, so sehr ihnen möglich war.
Gott beschloß, das menschliche Geschlecht in einer großen Wasserflut
umkommen zu lassen. Aber den frommen Noah und seine Angehörigen wollte
er nicht umkommen lassen. Er befahl ihm, was er zu seiner Rettung tun
sollte; und Noah tat also. Er bauete aus Tannenholz eine Arche, das
heißt ein großes Haus, welches auf dem Wasser schwimmen kann. Drei
Stockwerke hatte die Arche und in jedem zahlreiche Kammern. Oben gegen
den Himmel hatte sie ein Fenster. Die Türe aber war auf der einen Seite.
In die Arche brachte er allerlei Tiere von allerlei Art, Männlein und
Weiblein, daß sie lebendig blieben, und allerlei Nahrungsmittel, daß sie
ihm und ihnen zur Nahrung dienten. Also hatte ihm Gott geboten.
Der Herr sprach zu Noah: »Gehe jetzt in die Arche, du und deine
Angehörigen; denn ich habe dich gerecht erfunden vor mir in dieser
Zeit.« Noah ging in die Arche, er, sein Weib, seine drei Söhne und
seiner Söhne Weiber, acht Seelen; und Gott schloß hinter ihnen zu.
Da überzog sich auf einmal der Himmel mit schweren schwarzen Wolken; die
schütteten sich aus in furchtbaren Regenströmen vierzig Tage lang, und
die unterirdischen Gewässer brachen aus. Die Arche fing an, sich von der
Erde zu erheben. Die Felder, die Bäume, die Wohnungen der Menschen
standen schon unter Wasser. Die Arche fing an, auf den Gewässern zu
schwimmen. Menschen und Tiere, die noch nicht in der Ebene umgekommen
waren, flüchteten auf die Hügel, von den Hügeln auf die Berge. Die Köpfe
der Berge wurden immer kleiner und gingen ebenfalls unter mit allem, was
darauf seine Zuflucht genommen hatte. Fünfzehn Ellen hoch schwamm
zuletzt die Arche über den Köpfen der Berge. Da war nichts mehr als
Wasser unten und Wasser oben und ein schwimmendes Haus mit acht Seelen
unter Gottes Schutz und Schirm. Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzet
und unter dem Schatten des Allmächtigen weilet, der spricht zu dem
Herrn: »Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe!«
Hundertundfünfzig Tage lang stand so hoch die Flut; da fing an der Wind
zu wehen, der Regen hörte auf, und das Wasser nahm nach und nach wieder
ab. Zuerst blieb die Arche unter dem Wasser sitzen aus dem Gebirge
Ararat. Das Gewässer nahm immer mehr ab, und die Köpfe der Berge wurden
wieder sichtbar. Noah ließ einen Raben ausfliegen; der kam nicht wieder,
sondern flog über dem Gewässer hin und her, bis das Gewässer vertrocknet
war. Das ist der Raben freie Art. Noah ließ eine Taube ausfliegen; die
fand, wohin sie flog, keinen trockenen Aufenthalt und kam wieder in die
Arche zurück. Das ist die Art der frommen Taube. Nach sieben Tagen ließ
Noah eine andere Taube fliegen; die blieb aus bis um die Vesperzeit. Um
die Vesperzeit kam sie zurück und brachte bereits wieder ein grünes
Blatt von einem Ölbaum mit. Das war wohl eine große Freude in der Arche.
Abermal nach sieben Tagen ließ Noah noch eine Taube ausfliegen. Diese
kam nimmer zurück. Daran erkannte er, daß das Erdreich wieder trocken
war. Gott redete mit Noah, und er ging heraus und betrat zum erstenmal
wieder den Erdboden, er und die Seinigen und die Tiere, welche er hatte
mit sich genommen. Die Tiere flogen und hüpften und wandelten freudig
auf dem neuen Erdboden herum, jegliches mit seinesgleichen.
Noah aber und seine Söhne baueten einen Altar und brachten Gott ein
Dankopfer für ihre wunderbare Errettung. Das können gute Menschen nie
vergessen, Gott zu danken, wenn er sie und die Ihrigen in einer Gefahr
beschirmt und gnädig gerettet hat. Gott hatte auch Wohlgefallen an
diesen dankbaren Gesinnungen und gab der Erde und dem Menschengeschlecht
noch einmal seinen Segen. »Seid fruchtbar«,. sagte er, »und mehret euch,
daß euer viel werden auf der Erde. Solange die Erde steht«, sprach er,
»soll nicht aufhören Samen und Ernte, Sommer und Winter, Tag und Nacht.
Es soll keine Sündflut mehr kommen, daß sie die Erde verderbe.«
In diesem Augenblicke, als Noah seine Augen emporhob, da stand der
schöne Regenbogen in seiner stillen Herrlichkeit und Majestät in den
Wolken. Gott sprach: »Das soll das Zeichen sein und das Pfand meiner
Verheißung und meiner Gnade, womit ich die Erde anschaue, mein Bogen,
den ich in die Wolken gestellt habe.« -
Also erscheint noch von Zeit zu Zeit der Regenbogen am Himmel, und es
spiegelt sich in seiner schönen Gestalt
und in seinen milden, heitern Farben noch jetzt die Freundlichkeit und
Leutseligkeit Gottes gegen die Menschen ab und leuchtet hernieder auf
die Erde. Fromme Kinder sehen ihn mit Verwunderung und Freude an und
wollen nie etwas Böses tun.
Die drei Söhne aber des Noah hießen Sem, Ham und Japhet. Ham und Japhet
zogen hinweg und breiteten sich über den Erdboden aus mit ihren
Geschlechtern. Ein Abkömmling aber von Sem war Abraham.
|