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18. Zweite Reise nach
Ägypten.
Die Söhne Jakobs mußten zum zweiten Male nach Ägypten reisen und Korn
kaufen. Gar ungern gab er ihnen den Benjamin mit; aber er konnte nicht
anders, und Juda sagte ihm gut für den Knaben. Auch gab er ihnen
zwiefaches Geld und köstliche Erzeugnisse aus dem Lande Kanaan für
Joseph mit und wußte nicht, daß er sie seinem eigenen Sohn schickte.
»Der allmächtige Gott«, sagte er, »gebe euch Barmherzigkeit vor dem
Manne, daß er euch den gefangenen Bruder wiedergebe und den Benjamin
lasse! Ich aber muß sein«, sagte er, »wie einer, der gar keine Kinder
hat.«
In Ägypten befahl Joseph seinem Hausvogt, daß er sie zu ihm bringen
sollte; denn er wollte ihnen eine Mahlzeit halten und mit seinen Brüdern
zu Mittag essen. - Ehe sie vor ihm erschienen, sagten sie dem Hausvogt,
was ihnen begegnet sei mit dem Gelde. Der Hausvogt sagte: »Euer Geld ist
mir geworden.« Auch gab er ihnen ihren gefangenen Bruder Simeon wieder.
Als sie vor Joseph erschienen, reichten sie ihm die Geschenke dar. Etwas
Köstlicheres wäre kein König imstande gewesen ihm zu schenken, als diese
Gaben waren, aus dem Lande seiner schönen Heimat, aus den Händen seines
Vaters.
Joseph grüßte sie mit freundlichen Worten: »Geht es euerm Vater wohl?
Lebt er noch?« Sie sprachen: »Es geht deinem Knechte, unserm Vater,
wohl.« - »Ist das euer Bruder?« sagte er, als er den Benjamin erblickte;
»Gott segne dich, mein Sohn!« sprach er zu Benjamin. Aber er konnte
nicht weiterreden; sein Herz war so bewegt gegen seinen Bruder, den Sohn
seiner Mutter Rahel, daß er hinweggehen und weinen mußte. Als er aber
ausgeweint hatte und wiederkam, setzte er seine Brüder zu Tische, wie
sie dem Alter nach aufeinander folgten, und tat dem Benjamin eine
besondere Ehre an. Er selbst aß mit ihnen, wiewohl an einem eigenen
Tisch. Aber zu erkennen gab er sich ihnen noch nicht.
Hierauf ließ Joseph ihre Säcke mit Getreide füllen. Auch wurde auf
seinen Befehl jedem sein Geld wieder oben in den Sack gelegt, und in den
Sack des Benjamin außer diesem noch sein silberner Becher, daraus er zu
trinken pflegte. Als aber die Brüder schon wieder auf dem Heimweg waren
und meinten, diesmal sei alles besser gegangen als das erstemal,
schickte. ihnen Joseph seinen Hausvogt nach. Als der Hausvogt sie
eingeholt hatte, sprach er zu ihnen: »Warum vergeltet ihr Gutes mit
Bösem? Welcher von euch hat meines Herrn silbernen Becher gestohlen?«
Sie sprachen: »Warum redet mein Herr solche Worte? Wir sind ehrliche
Leute. Bei welchem der Becher gefunden wird, der soll sterben! Wir aber
wollen deines Herrn Knechte sein.« Hierauf wurden alle Säcke geöffnet
und durchsucht, und der Becher ward gefunden in dem Sack Benjamins. Da
zerrissen die Brüder ihre Kleider vor Schrecken und Betrübnis und
kehrten wieder alle miteinander um.
Als sie wieder vor Joseph gebracht wurden, redete er sie hart an, daß
sie solches sich unterstanden hätten. Juda nahm das Wort und sagte: »Wie
können wir uns rechtfertigen? Gott hat unsere Missetat gefunden. Siehe,
wir sind deine Knechte« Joseph sprach: »Das sei ferne! Der, bei welchem
der Becher gefunden ist, soll mein Knecht sein! Ihr aber zieht in
Frieden zu euerm Vater.« Da flehte Juda inständig, daß das nicht
geschehen möge. Solchen Jammer seines Vaters könne er nicht ansehen,
wenn er zurückkäme und den Knaben nicht wiederbrachte, an welchem sein
Herz hing. Lieber wollte er selbst an seiner Statt in der Gefangenschaft
und Knechtschaft zurückbleiben. Das alles tat Joseph, daß er sähe, wie
seine Brüder gestimmt seien, und ob sie die Zeit gebessert habe. Als er
nun sah, wie sie jetzt ihren alten Vater und seinen Bruder Benjamin so
lieb hatten, und wie Juda sich ängstete, konnte er sich der Tränen
nimmer erwehren. Die Ägypter, welche zugegen waren, mußten alle
hinausgehen.
Als sie allein unter sich waren, ließ er den Tränen freien Lauf. »Ich
bin Joseph,« sprach er. »Lebt mein Vater noch?« Ob sein Vater noch lebe,
fragte der fromme Sohn. - Darüber erschraken seine Brüder so sehr, daß
sie ihm nicht antworten konnten. Er aber sprach noch einmal zu ihnen:
»Ich bin Joseph, euer Bruder, den ihr verkauft habt. Aber fürchtet euch
nicht! Eilet und saget meinem Vater, daß er zu mir komme mit aller
seiner Habe und wohne bei mir.« Hierauf fiel er seinem Bruder Benjamin
um den Hals und weinte, und Benjamin weinte auch an seinem Halse. Alle
seine Brüder küßte er und weinte über sie vor Rührung und Liebe.
Hernach erst redeten seine Brüder mit ihm. Auch der König ließ den Vater
des Joseph einladen, daß er nach Ägypten zöge, und Joseph schenkte jedem
ein Feierkleid, dem Benjamin aber schenkte er fünf Feierkleider und
dreihundert Silberstücke und schickte seinem Vater viel köstliches Gut
aus Ägypten zum Gruß, und Wagen zur Reise, und »zanket nicht auf dem
Wege!« sprach er zu seinen Brüdern. Freilich war diesmal die Heimreise
erfreulicher als das erstemal. Wenn die Not am größten, ist oft ihr
Trost am nächsten.
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